Journal Phänomenologie
Journal Phänomenologie / Texte / Heft 39/2013
 
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Vorwort

Schwerpunkteinleitung

Silvia Stoller (Wien)

Als Bergson schrieb, das Lachen sei eine »einzige spitzbübische Herausforderung an die philosophische Spekulation«1, mag er etwas Richtiges gesagt haben. So selbstverständlich das Lachen im Alltag seinen Platz hat und selbst in Form von Lachverboten die Lebenswirklichkeiten tagtäglich beeinflusst, so sehr ist es ein weitgehend philosophisch vernachlässigtes Thema. Daher stellt das Lachen damals wie heute eine Herausforderung dar. Umso mehr, als die gelehrte Philosophie der Gegenwart dem Lachen in der Regel so gut wie keine Aufmerksamkeit schenkt. Man wird und wird den Eindruck nicht los, dass das Lachen keinen rechten Platz in der Philosophie zugewiesen bekommt. Zu sehr lastet noch immer das Dogma der ernsten Wissenschaft auch auf der Wissenschaft der Philosophie.

Von allem Anfang an hatte es das Lachen schwer in der Philosophie. Hier gilt, was Manfred Geier in seiner kleinen philosophischen Studie zum Lachen sagte, dass nämlich schon mit Platon die »Austreibung des Lachens aus der Philosophie«2 begann. Allerdings sollte diese Einschätzung nicht zur Ansicht verleiten, man hätte sich in der Geschichte der Philosophie nie ums Lachen gekümmert. Das wäre nicht korrekt. Hier wie auch bei anderen marginalisierten Themen kommt es lediglich darauf an, den Blick auf das Thema zu schärfen – und man wird fündig. Sehr sogar. Von Platon aufwärts hat man nicht nur die Gefährlichkeit oder Unangemessenheit des Lachens kritisch ins Visier genommen, man hat es ebenso gut immer wieder mit unterschiedlichen Gründen in die Philosophie hineinreklamiert. Beispielhaft können hierfür Friedrich Nietzsche, der das Lachen zum Programm einer »fröhlichen Wissenschaft« machte, und vor ihm Shaftesbury, der den spöttischen Witz als Mittel der Wahrheitsfindung verteidigte, genannt werden. Und so gut wie alle Philosophen_innen, die sich je auf wohlwollende Weise damit auseinandersetzten, teilten die nicht unbedeutende Meinung, dass das Lachen gesund sei. Selbst ein vermeintlich so trockener norddeutscher Philosoph wie Kant hat sich ausgiebig mit dem Lachen in anthropologischer Hinsicht beschäftigt und in seinen Anthropologie-Vorlesungen sogar erhellende Witze erzählt.

Und die Phänomenologie? Viel weiß man nichts über die phänomenologischen Forschungen zum Lachen. Das wird man zugeben müssen. Und doch gibt es sie, und zwar mehr, als man gemeinhin nennen könnte. Die bekannteste Studie verdankt man Helmuth Plessner mit Lachen und Weinen von 1941, die man Studierenden allzu gerne zur Pflichtlektüre eines Philosophiestudiums aufgeben möchte, so überaus reichhaltig und zweifelsohne aktuell liest sie sich heute noch.3 Im Kontext einer Phänomenologie des Lachens wird stets auch Henri Bergsons Studie Das Lachen von 1900 genannt, die ganze Philosoph_innen-Generationen, darunter Phänomenologen und Phänomenologinnen der klassischen und nachklassischen Periode, beeinflusst bzw. angespornt hat.4 Auch in den letzten Jahrzehnten haben sich immer wieder Kolleg_innen der Phänomenologie an das Thema Lachen herangewagt, so beispielsweise Simon Critchley mit seinem Büchlein über den Humor.5 Auch Peter L. Bergers Studie Erlösendes Lachen verdient hier genannt zu werden.6 Einige andere dürfen wir in diesem Schwerpunkt mit eigens für dieses Heft verfassten Artikeln vorstellen. Sie beschäftigen sich mit Klassikern der Phänomenologie des Lachens wie mit Helmuth Plessner (Meyer-Drawe), geben Einblick in die Philosophie des Lachens von leider allzu wenig bekannten Philosophen wie Georges Bataille (Boelderl), öffnen das Feld hin zu anderen philosophischen Ansätzen wie der Kritischen Theorie (Roselli/Siekmann), lassen rund um das Thema Lachen die Philosophie und Literatur zu Wort kommen (Sepp), plädieren für den gezielten Einsatz des Lachens in der Philosophie (Schües) oder wagen sich an einen Überblick über die Phänomenologie des Lachens (meine Wenigkeit).

Den Beginn macht Christina Schües (Universität zu Lübeck / Leuphana Universität Lüneburg), die ausgehend von Platons berühmter Erzählung über Thales von Milet und die lachende Magd ein starkes Zeichen für das Lachen in der Philosophie setzt. Der »gezielte Witz« mit seinem anschließenden Lachen habe die Kraft, einen Perspektivenwechsel herbeizuführen – einen Perspektivenwechsel, den ein angemessenes Philosophieren stets voraussetze, so Schües. Damit werden im positiven Sinne Tür und Tor für die Anwendung des Lachens in der Praxis der Philosophie geöffnet.

Käte Meyer-Drawe (Ruhr-Universität Bochum) widmet sich ganz der Philosophie des Lachens und des Weinens bei Helmuth Plessner und lässt sich auf das Phänomen des Sich-fallen-Lassens in den Akten des Lachens und des Weinens ein. Mit einem besonderen sprachlichen Feingespür und vor dem Hintergrund einer aufmerksamen Phänomenologie der Leiblichkeit werden plötzlich unterschiedliche Aspekte des Selbstverlusts bei diesen beiden Phänomenen transparent gemacht und damit Plessners Hauptthesen um eine phänomenologische Lektüre bereichert.

Einem völlig zu Unrecht regelmäßig vernachlässigten Philosophen widmet sich Artur R. Boelderl (Katholisch-Theologische Privatuniversität Linz), insbesondere was dessen Gedanken zum Lachen betrifft. Die Rede ist von Georges Bataille. Gekonnt gelingt es Boelderl, überraschende und denkwürdige Bezüge zwischen Batailles Philosophie des Lachens und der Philosophie von Levinas und Kant gleichermaßen herzustellen.

Auf die Spuren einer positiven Philosophie des Lachens bei Theodor W. Adorno begeben sich Antonio Roselli (Universität Paderborn) und Henning Siekmann (München). Dabei setzen sie bei Adornos und Horkheimers bekannter Lachskepsis in der Dialektik der Aufklärung an, aber nur, um einen ganz anderen Weg der Interpretation einzuschlagen. Über das Thema der Selbstbehauptung wird Adorno letztlich in die Nähe von Plessner gerückt und der Weg frei gemacht für eine Annäherung der Kritischen Theorie an die Phänomenologie auch in Bezug auf das Lachen.

Hans Rainer Sepp (Karls-Universität Prag) wiederum nähert sich über die Literatur dem Thema Lachen, und zwar anhand von Elias Canettis genialer Schlussszene im Roman Die Blendung. Wie Literatur und Philosophie miteinander verschlungen sind, was das Lachen mit der europäischen Philosophie zu tun hat und wie Vereinzelung und Gemeinschaft, Macht und Machverlust und schließlich Kannibalismus und Selbsttötung rund um ein ganz besonderes Lachen miteinander verknüpft sind, kann in der phänomenologischen Meditation über das »Paranoische Lachen« nachgelesen werden.

In meinem eigenen Beitrag habe ich versucht, einen vorläufigen Überblick über das Lachen in der Phänomenologie zu geben, wobei die vor- als auch nachphänomenologische Zeit mit berücksichtigt wurde. Damit wollte ich nicht zuletzt zeigen, dass der Reichtum an philosophischen Reflexionen in diesem Bereich einigermaßen größer ist, als man ad hoc wahrscheinlich anzugeben vermag.

Der Schwerpunkt wird ergänzt durch ein Interview mit der Philosophin Katia Hay über die Bedeutung des Lachens bei Friedrich Nietzsche. Passend zum Schwerpunkt ist soeben die erste deutschsprachige Übersetzung eines Klassikers der Philosophie des Lachens im 20. Jahrhundert erschienen, Das Lachen der Medusa der französischen Philosophin Hélène Cixous. Bettina Schmitz, die durch ihre Arbeiten zu Julia Kristeva nicht nur den deutschsprachigen Phänomenolog_innen bekannt ist, hat eine Rezension des von Esther Hutfless, Elisabeth Schäfer und Gertrude Postl herausgegebenen Sammelbandes zur Verfügung gestellt.

Anmerkungen

1 Henri Bergson, Das Lachen. Ein Essay über die Bedeutung des Komischen, übers. von Roswitha Plancherel-Walter, Hamburg: Felix Meiner 2011, S. 13.

2 Manfred Geier, Worüber kluge Menschen lachen. Kleine Philosophie des Humors, Frankfurt/Main: Rowohlt 2007, S. 16. Siehe dazu meine Rezension in: Journal Phänomenologie 31 (2009), S. 71–73.

3 Helmuth Plessner, Lachen und Weinen. Eine Untersuchung der Grenzen menschlichen Verhaltens (1941), in: Gesammelte Schriften, Bd. VII: Ausdruck und menschliche Natur, hg. von Günter Dux u. a., Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2003, S. 201–388.

4 Henri Bergson, Das Lachen. Ein Essay über die Bedeutung des Komischen, übers. von Roswitha Plancherel-Walter, Hamburg: Felix Meiner 2011.

5 Simon Critchley, Über Humor, übers. von Erik M. Vogt, Wien: Turia + Kant 2004.

6 Peter L. Berger, Erlösendes Lachen. Das Komische in der menschlichen Erfahrung, übers. von Joachim Kalka, Berlin: Walter de Gruyter 1998.

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14.05.2008
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