Journal Phänomenologie
 
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Journal Phänomenologie / Texte / Heft 29
 
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Von blauen Zuständen

Schwerpunkteinleitung

Hartwig Bischof (Wien)

Ein blaues Wunder kann die vorliegende Nummer des Journal Phänomenologie seinen Leserinnen und Lesern nicht anbieten. Ebenso wenig geht es den hier versammelten Beiträgen um die schriftliche Verteilung von blauem Dunst, wenngleich angebläute Texte immer auch einen zauberhaften, mit dem Magierhaften spielenden Aspekt mitbringen. Die AutorInnen wollten auch nicht ins Blaue hineinschreiben. Vielmehr werden sie mit einer jeweiligen Schwerpunktsetzung schlicht der Farbe Blau ihre phänomenologische Aufmerksamkeit schenken.

Im Gegensatz zu anderen Farben kann Blau mit einigen Besonderheiten aufwarten – wenngleich man streng genommen immer im Plural sprechen müsste angesichts der unzähligen Nuancen, die wir unter dem kurzen Wort subsumieren. Keine andere Farbe war in der Lage, bei den Menschen eine derartige Bandbreite von Stimmungen zu erzeugen, keine andere Farbe wurde derart häufig den extremen Polen in der Weltinterpretation zugeordnet. »Blau als ›Farbe der Ferne‹ ist nicht objektivierbar«, schreibt der Kunsttheoretiker Hans Gercke. »Es meint nicht das Absolute in dem Sinne, wie dieses durch Schwarz, Weiß oder Gold symbolisiert werden kann. Blau ist an die Erde, an den Menschen, an unser Empfinden gebunden. Es markiert den Sog unserer Sehnsucht, es ist die Farbe unserer Heimatlosigkeit, die Farbe der im Leben nicht begehbaren Brücke zwischen Himmel und Erde.« [1] Blau erweist sich demnach als Schwellenfarbe für Übergangsstimmungen. Ihr korrespondieren Zustände.

László Tengelyi analysiert in seinem Beitrag den »blauen Weltstrahl« in Auseinandersetzung mit der Philosophie von Maurice Merleau-Ponty. Die drei dann folgenden Texte präsentieren Erscheinungsformen der Farbe Blau anhand von Beispielen aus den Bereichen der Musik-, Religions- und Kunstwissenschaft. Eva Maria Stöckler stellt den transmedialen Wechsel von Ernst Kreneks Musik in die bläuliche Visualisierung durch Michael Casey dar, Hans Gerald Hödl verfolgt den Weg der »blauen« Göttin Yemaya von Afrika nach Amerika und in meinem Beitrag zu Yves Klein, dem »Maler der Farbe Blau«, zeigt sich unter anderem die gegenseitige Beeinflussung von Malerei und Literatur.

Dieser Schwerpunkt, der sich der Theorie einer Farbe widmet, ist ein Experiment. Die Beiträge versuchen jeweils in sich wie auch in der vorliegenden Zusammenstellung den besonderen Qualitäten der Farbe Blau gerecht zu werden. Auf der blauen Insel der Träume kann ja, wie Yves Klein gemeint hat, das Wahre Wirklichkeit werden.

Anmerkung

[1] Hans Gercke, »Das Wunderbare und das Nichts. Eine Einführung«, in: ders., (Hg.), Blau. Farbe der Ferne , Heidelberg: Heidelberger Kunstverein 1990, S. 17–30, hier S. 24.

 

Zitation nach DIN 1550 [andere Formate]


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down ISSN 1027-5657 JPh Logo
14.05.2008
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