Journal Phänomenologie
 
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Journal Phänomenologie / Texte / Heft 28
 
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Rezension zu Giorgio Agamben: Il regno e la gloria, dt. Das Reich und die Herrlichkeit

Johannes Thumfart (Paris, Berlin)

Giorgio Agamben : Il regno e la gloria [2007]; dt. Das Reich und die Herrlichkeit. Zur theologischen Genealogie von Ökonomie und Regierung. Homo sacer II.2 . Frankfurt/Main: Suhrkamp 2008. 450 S., ISBN 978-3-518-12520-5 , EUR 15,00.

Mit Das Reich und die Herrlichkeit führt Giorgio Agamben seinen in den 1990er Jahren begonnen Homo Sacer -Zyklus fort. In dem Buch widmet sich der italienische Denker der Frage nach der »politischen Theologie«, mit der sich in der Vergangenheit vor allem Theoretiker aus dem deutschen Sprachraum, wie Hans Blumenberg, Karl Löwith, Hermann Lübbe, Erik Peterson und Carl Schmitt beschäftigten.

Im Anschluss an eine Debatte zwischen den katholischen Philosophen Schmitt und Peterson bemüht sich Agamben insbesondere um eine Klärung des Verhältnisses von Dreifaltigkeit und politischer Macht. In seiner Schrift Monotheismus als politisches Problem (1935) hatte Peterson den Schmittschen Begriff der »politischen Theologie« (1922) dahingehend kritisiert, dass mit der christlichen Figur der Dreieinigkeit keine einheitliche Souveränität zu denken sei. Agamben nimmt Petersons Kritik an Schmitt auf und entwickelt eine theologische Konzeption politischer Strukturen, die nicht von einer monotheistischen Position, sondern von der Position der Dreifaltigkeit ausgeht. Diese Figur nennt Agamben die »Ökonomische Theologie« (teologia economica). Sie ist unter anderem durch ein gegenseitiges Verweisen und einen gegenseitigen Ausgleich – eine Ökonomie – drei verschiedener Pole politischer Macht gekennzeichnet, welche der theologischen Trinität von Vater, Sohn und heiligem Geist entspricht.

Das Reich und die Herrlichkeit handelt zunächst von dem Zusammenspiel von legislativer und gouvernementaler Macht (»das Reich«) und den Medien (»die Herrlichkeit«), das Agamben als eine politische Umsetzung der Trinität interpretiert. Wie Agamben schon in den anderen Teilen des Homo Sacer argumentiert hatte, gebe es einen Widerspruch zwischen rechtssetzender Gewalt und exekutiver Gewalt, der in den »Ausnahmezustand« münde. In letzter Konsequenz stehe gerade in den liberalen Demokratien ein impotenter und idealisierender Gesetzgeber einer nur funktional orientierten und daher gewissenlosen Exekutive gegenüber. Im theologischen System der Trinität bedürfe es zwischen dem immanenten, exekutiv wirksamen Sohn (capo dell'esecutivo di una gubernatio)   und dem transzendenten, legislativ wirksamen Vater (il supremo legislatore) der vermittelnden Instanz des heiligen Geistes. Analog dazu bedürfe es auf der Ebene der Politik eines dritten Elementes, das imstande sei, die Lücke zwischen Exekutive und Legislative zu schließen.

Dieses Element ist laut Agamben das ästhetische Mittel der »Herrlichkeit« (gloria), welche der italienische Philosoph der deutschen Etymologie des Wortes nach von »Herrschaft« ableitet. Durch »Zeremonien, Anrufungen und Protokolle« gewährleiste die »Herrlichkeit« als »Ästhetik der Herrschaft« die Kohärenz der dreifaltigen »gouvernementalen Maschine«. Sie sei daher »das zentrale Arkanum« (l'arcano centrale) der Macht und ihr »geheimer Motor« (il motore segreto).

In einer »politischen Archäologie der Liturgie und des Protokolls« (archeologia politica della liturgia e del protocollo) stellt Agamben die zunehmende Emanzipation der politischen gloria von allen Formen der Liturgie und des Zeremoniellen fest. Schon bei Rousseau genüge »die Anrufung des Volkes« als Form der politischen gloria . Das erste Mal aber trete der »Konsens des Volkes« als akklamatorische Formel bereits bei der Machtergreifung des Augustus auf, der seine Alleinherrschaft auf einen virtuellen consensus universorum (Konsens aller) begründet habe.

Heute lebe man in einer »gloriosen Demokratie« (democrazia gloriosa), in welcher mithilfe der Massenmedien der virtuelle Konsens aller »in jeden Bereich des sozialen Lebens« (in ogni ambito della vita sociale) getragen werden. Da die Lücke zwischen Exekutive und Legislative größer werde, gewinne der Ausgleich durch die »Herrlichkeit« der Medien heute zunehmend an Wichtigkeit. Agamben spricht deshalb von den »zeitgenössischen Demokratien« mit Debord als von einer »Gesellschaft des Spektakels«, deren Symbol er im Bild eines leeren, geschmückten Thrones findet. Als einen großen Theoretiker dieser Form der gloriosen Demokratie des government by consent nennt er Jürgen Habermas.

Doch Agambens »ökonomische Theologie« ist nicht nur der Versuch, eine politisch-theologische Theorie der Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Medienmacht zu entwerfen. Die »ökonomische Theologie« Agambens ist auch eine Theologie der Ökonomie. In einem kurzen, letzten Kapitel widmet sich Agamben einer Demonstration der theologischen Genealogie des berühmten Konzepts der invisible hand bei Adam Smith, welches er auf die Figur der »Vorsehung« (providentia) zurückführt.

Die »providentielle Maschine« (la macchina provvidenziale) entspricht in der Interpretation Agambens der Wirkung der »ökonomischen Theologie« nach außen. In der Theologie ist die providentia die Art und Weise, wie Gott als Gesetzgeber auch ohne sein direktes Eingreifen das Weltgeschehen lenken kann. In Ausübung seiner providentia habe »Gott die Welt so geschaffen, als wäre sie ohne Gott« (Dio ha fatto il mondo come se esso fosse senza Dio). Die Idee einer freien Ökonomie, welche sich möglichst ohne die Einschränkung von Legislative und Exekutive selbst regelt, geht nach Agamben auf die theologische Vorstellung der providentia zurück. Gerade also im Liberalismus und der Demokratie erfahre die »ökonomische Theologie« ihre orthodoxe Umsetzung. »Indem die Moderne Gott von der Welt abgelöst hat, ist ihr nicht nur der Ausstieg aus der Theologie misslungen, sondern sie hat damit nichts gemacht als (...) das Projekt der providentiellen oikonomia zur Vollendung zu bringen.« (La modernità, togliendo Dio dal mondo, non soltanto non è uscita dalla teologia, ma non ha fatto (...) che portare a compimento il progetto dell'oikonomia provvidentiale.)

Das »ursprüngliche Paradigma« (il paradigma originale) der heutigen Politik sei »nicht im Griechisch des Thukydides verfasst worden, sondern im trockenen Latein mittelalterlicher und barocker Abhandlungen über die göttliche Regierung der Welt« (non è scritto nel greco di Tucidide, ma nell´arido latino dei trattati medievali e barocchi sul governo divino del mondo), fasst Agamben das Resultat seiner komplexen ideengeschichtlichen Ausführungen zusammen.

Obwohl Agamben zur Illustration seiner These einen sehr hohen technischen Aufwand betreibt und gerade weil er sich ohne jede Ironie ebenso komplexen wie nutzlosen Fragen nach der Natur der Trinität und der theologischen Bedeutung der Engel widmet, wirkt das Buch bisweilen fast wie ein Pastiche auf einen imaginären kritischen katholischen Diskurs. Dieser doppelte Boden macht Das Reich und die Herrlichkeit trotz des letztlich etwas platten Rückgriffs auf die immerhin schon beinahe 50 Jahre alte These von der »Gesellschaft des Spektakels« zu einer erfrischenden Erweiterung des Blickfeldes zeitgenössischer Medien- und Politiktheorie. Agambens Entwurf der »ökonomischen Theologie« als Antwort auf die Frage nach der politischen Theologie dürfte aber von weiterreichender Bedeutung sein. Dem bisher eher gemächlichen Tempo der Debatte über den Begriff der politischen Theologie nach zu schließen wird man diese Bedeutung aber nicht so rasch ermessen können.

Zitation nach DIN 1550 [andere Formate]

down ISSN 1027-5657 JPh Logo
14.05.2008
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