Journal Phänomenologie
Journal Phänomenologie / Texte / Heft 26
 
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Unbewusst. Unsinn

Schwerpunkteinleitung

Ulrike Kadi (Wien)

»Ein Mann greift bei Tische, als ihm der Fisch serviert wird, zweimal mit beiden Händen in die Mayonnaise und streicht sie sich dann durch die Haare. Vom Nachbarn erstaunt angesehen, scheint er seinen Irrtum zu bemerken und entschuldigt sich: Pardon, ich glaubte, es wäre Spinat«

(Freud 1905, 131).

Über die Unsinnswitze schreibt Sigmund Freud, »daß man hinter dem Unsinn den verborgenen Sinn zu finden sich bemüht. Man findet aber keinen, sie sind wirklich Unsinn« (Freud 1905, 131). Ähnlich wie in dieser Beobachtung verhält es sich mit mancher phänomenologischen Annäherung an das Unbewusste. Die Erwartung, im Unbewussten Sinnstrukturen vorzufinden, erfüllt sich nicht. Fehlleistungen, Versprecher, Traumfragmente – Abkömmlinge aus dem, was wir sinnvollerweise unbewusst nennen, ist auf den ersten Blick nicht sinnvoll. Gehört Unbewusstes also auf die Seite des Unsinns?

Sowohl Phänomenologen wie Psychoanalytiker haben mit einer solchen Kennzeichnung von Unbewusstem Schwierigkeiten gehabt. Aus dem Umgang mit diesen Schwierigkeiten resultieren eine Reihe von kompromissfähigen Vorschlägen, als was unbewusste Strukturen anzusehen sind: als vorprädikative Sinnstrukturen, als latenter Sinn, als momentan unverfügbare Teile des konkreten (sinnvollen) Diskurses? Als wäre es die wichtigste Aufgabe, Unbewusstes einem möglichen Sinn anzunähern. Und als wäre es unvorstellbar, die »Lust am Unsinn frei zu machen« (ebd.).

Unbewusst. Verstehen

Zwei Momente sind in der bald hundertjährigen1 Parallelaktion2 von Phänomenologie und Psychoanalyse über den Sinn von Unbewusstem hervorzuheben: die Verflechtung der Psychoanalyse mit der Psychopathologie und die Tatsache, dass Freud selbst Unbewusstes unterschiedlich, ja teilweise kontradiktorisch beschrieben hat.

Die Vermengung mit Fragen der Psychopathologie verdankt sich nicht zuletzt der von Anfang an bestehenden Platzierung der Psychoanalyse im Bereich der Medizin. Psychiatrische Nosologien spielen herein, sobald es um Behandlungen, Kuren, Befreiung von Symptomen geht.3 Karl Jaspers war daher trotz seiner äußerst kritischen Haltung der Psychoanalyse gegenüber4 mit seiner Allgemeinen Psychopathologie über lange Zeit wichtig für die psychoanalytische und die Psychoanalyse betreffende phänomenologische Theoriebildung.5 Seine Untersuchung des Verstehens hat, wiewohl er selbst keine Möglichkeit eingeräumt hat, das von ihm somatisch konnotierte6 Außerbewusste, d. h. Unbewusste, in einen Bereich des Verständlichen einzugliedern, eine Haltung des Verstehenwollens und Verstehenkönnens in der Psychoanalyse unterstützt, welche den Blick auf den Unsinn und damit auf anderes Unbewusstes immer wieder verstellt hat.

Jaspers' vornehmlich somatische Konzeption des Unbewussten erstaunt angesichts von Freuds mehrfältiger Herangehensweise an das Unbewusste wenig: 1912 schließt Freud entgegen seiner eigenen früheren Ansicht aus, dass eine unbewusste Vorstellung eine ins Physische gerutschte bewusste Vorstellung sei. Stattdessen subsumiert er unter unbewussten Vorstellungen nun solche, deren Vorhandensein wir aufgrund anderer Zeichen entsprechend den Beobachtungen eines posthypnotischen Zustands annehmen müssen (Freud 1912, 29). Dieser deskriptiven Definition des Unbewussten steht eine dynamische gegenüber. Da der Auftrag des Hypnotiseurs nicht mehr reproduzierbar ist, sieht Freud Unbewusstes als Ergebnis eines Prozesses an. Das Unbewusste im dynamischen Sinn verweist auf frühere Erfahrungen des Subjekts. Als wichtigste Konzeption des Unbewussten neben der deskriptiven und der dynamischen bezeichnet Freud das systematische Unbewusste, das sämtliche unbewussten Vorgänge umfasst. 1915 wendet er sich nur aus Gründen der wissenschaftlichen Zweckmäßigkeit und »vorläufig« (kursiv im Orig.) gegen eine Spekulation über die anatomische Lokalisation des Unbewussten (Freud 1915, 133). Über die physische Sphäre sei noch zu wenig bekannt. 1923 schließlich wird das Unbewusste in seinem Verhältnis zur zweiten Topik durch seine Verbindungen zum Es zum größeren Teil somatisch dominiert,7 was zwar von einer somatischen Verfasstheit des Unbewussten zu unterscheiden ist, das Unbewusste dem Physischen aber zweifellos näher rückt als dem Bewusstsein.

Was rechnet Freud zum Unbewussten? So heterogen wie Freuds Beschreibungen des Unbewussten sind auch seine Angaben in dieser Frage. Es mischen sich ätiologische Überlegungen mit an pathologischen Formationen interessierten Beobachtungen und metapsychologischen Annahmen. Da ist von Vorstellungen, Gedanken, Erinnerungsspuren, Regungen, Wünschen, verdrängten Akten, Triebrepräsentanzen, Verschiebungen, Verdichtungen, Sachvorstellungen usw. die Rede. Einige dieser Kennzeichnungen sind mit der Annahme von sinnhaften Strukturen im Unbewussten leicht zu verbinden, andere weniger oder gar nicht. So erinnern Sachvorstellungen im Sinne von »visuellen«, »tactilen«, »acustischen« »Object-Associationen« (Freud 1915, 172) durchaus an vorprädikative Formationen. Verschiebungen und Verdichtungen hingegen haben in dem von Freud an dieser Stelle (Freud 1915, 158) gewählten energetischen Bezugsrahmen wenig mit traditionellen Bewusstseinsstrukturen zu tun.8

Jacques Lacan übernimmt einige der freudschen Vorgaben und modifiziert sie unter dem Einfluss von linguistischen, phänomenologischen und transzendentalphilosophischen Annahmen. Indem er sich viele Jahre an der jasperschen Psychopathologie orientierte, im Gespräch mit Maurice Merleau-Ponty stand, Heidegger ins Französische übersetzte, hat er die Psychoanalyse zunächst in besonderer Weise für ein Gespräch mit der Phänomenologie geöffnet. Ähnlich wie Merleau-Ponty9 entdeckte er später eine Distanz zwischen einer strukturalen Psychoanalyse und einer auf einen subjektiven Akt der Sinngebung insistierenden Phänomenologie, welche sich nach einer Phase interdisziplinärer Euphorie dann doch als zu groß erwies.10 Das Unbewusste, das Lacan eine (für philosophische Annäherungen attraktive) umfassende Depsychologisierung (Bersani 2006, 161) verdankt, gehört schließlich zu einer Psychoanalyse, in der das Verstehen und Erleben von Sinn in den Hintergrund rücken (Lacan 1997, 12 ff.).

Unbewusst. Verkörpern

Fünfzig Jahre später haben sich die Interessen deutlich verschoben. Die Gesprächspartner sind andere geworden. Inzwischen ist es möglich, auch der philosophischen Bedeutung der Lust11 in/an der Psychoanalyse nachzugehen. Die Frage nach dem Sinn wird durch die Frage nach dem Körper ergänzt, teilweise abgelöst. Der Körper der Psychoanalyse unterhält ein spezielles Verhältnis mit dem Unbewussten, was Folgen sowohl für den Begriff des Unbewussten wie für den Begriff des Körpers hat. Die Texte, die in diesem Schwerpunkt versammelt sind, geben einen notwendigermaßen unvollständigen Einblick in gegenwärtige Forschungsbemühungen in diesem Feld.

Klaus Ebner widmet sich in seinem Text »Die Engelmacherin und der Vorhimmel: Überlegungen zur Funktion des Unbewussten bei Jacques Lacan« jener theoretischen Wegstrecke Lacans, die sich an dessen durch seine Übernahme strukturalistischer Paradigmata gekennzeichneten Phase anschließt. Ausgehend von jener Auffassung des Unbewussten, in welcher dessen symbolische Bezüge in den Vordergrund rücken, zeichnet Ebner nach, wie Lacan zu seiner späteren Konzeption des Unbewussten findet, in welcher die Diskontinuität zwischen Bewusstsein und Unbewusstem stärker hervorgehoben wird. Darin sind etwa im Begriff eines »bestimmten temporalen Pulsieren[s] (Lacan 1987, 132)« für das Unbewusste Annäherungen an eine – dem Realen zugerechnete – körperliche Sphäre enthalten.

Artur R. Boelderl führt mit seinen Überlegungen »Zum Körper des ›zwischen‹ Phänomenologie und Psychoanalyse. Nancy als Leser von Husserl und Freud« in den ebenfalls in diesem Schwerpunktheft erstmals in deutscher Übersetzung vorliegenden Text von Jean-Luc Nancy »58 Indizes über den Körper« ein. Auf Basis eines »Nichtwissens der Seele um ihren Körper« werden von Boelderl korrespondierende Momente zwischen der husserlschen und der freudschen Psychoanalyse freigelegt. Nancy kann als Zeitzeuge der genannten Verschiebung des Interesses vom Sinn zum Körper angesehen werden, bildeten doch Probleme der linguistischen Reformulierung der Psychoanalyse durch Lacan einen Ausgangspunkt für Nancys Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse.12

Thomas Rolf nähert sich dem Unbewussten, hierin der beschriebenen früheren Tradition verpflichtet, von der Seite des Bewusstseins, obwohl das von ihm behandelte Thema auf die Seite des Körpers fällt. Unter dem Titel »Das geistlose Unbewusste. Kritische Bemerkungen zur Neurophilosophie Benjamin Libets« versucht er einer neurophysiologischen Fehlinterpretation des Unbewussten mit den Mitteln einer Tiefenhermeneutik im Anschluss an Ricœur zu begegnen. Zumal er strukturalistische Einflüsse auf Phänomenologie und Psychoanalyse für den gegenwärtig hohen Stellenwert eines »neurowissenschaftlichen Bewusstseinsnaturalismus« verantwortlich macht, zeichnet sich zwischen den vorliegenden Texten dieses Heftes eine alte Kontroverse ab.

Michael Turnheim gibt in »Aporie der Trauer« schließlich Einblicke von der Seite der konkreten psychoanalytischen Arbeit am Symptom. Bei ihm taucht der Körper als Ort einer Einverleibung im Rahmen von Melancholie und pathologischer Trauer auf. Indem er unter Bezugnahme auf Jacques Derrida auf eine Zerrissenheit zwischen Introjektion und Einverleibung aufmerksam macht, wird eine weitere Facette kooperativer Bezugnahme zwischen Philosophie und Psychoanalyse erkennbar.

Unbewusst – Unsinn? Dieses Schwerpunktheft möchte auf die zweifache Lesart dieser Frage aufmerksam machen. Sofern Unsinn sich mit einer Verwerfung der Thematik von Unbewusstem verbindet, lautet die Antwort »Nein«. Positiv fällt sie dagegen aus, wenn über den Ausdruck »Unsinn« auf einen durch die Psychoanalyse in spezieller Weise thematisierten Körper und dessen Verflechtung mit Unbewusstem angespielt ist.

 

Anmerkungen

1 Einen Abriss zur Geschichte der Verhältnisse zwischen Phänomenologie und Psychoanalyse in Frankreich und Belgien bietet Waldenfels 1983, 417–449.

2 Insbesondere so heterogene Versuche wie Sartres, Finks, Conrads oder Husserls phänomenologische Annäherungen an den Traum lassen Phänomenologie und Psychoanalyse als zwei parallele Versuche zum selben Thema erscheinen. Vgl. dazu Sepp 2001.

3 Als Beispiel einer sich von gängigen psychopathologischen Systematisierungsversuchen freihaltenden psychoanalytischen Strukturtheorie vgl. Verhaeghe 2004.

4 Vgl. Bormuth 2002.

5 Siehe dazu beispielsweise Lacan 1975, Lagache 1977, Dufrenne/Ricœur 2000. In dieser Hinsicht ist auch erwähnenswert, dass Sartre früh eine Überarbeitung der französischen Übersetzung von Jaspers Allgemeiner Psychopathologie angefertigt hat. Vgl. Waldenfels 1983, 64.

6 Auch Jaspers hält sich nicht an eine einheitlich somatische Konzeption des Unbewussten. Vgl. dazu seine Frage nach einem universalen, inhaltserfüllten Fundament des Unbewussten (Jaspers 1913, 282).

7 Vgl. Kadi 2006, 24.

8 Ricœur sieht in dieser Heterogenität einen Ausdruck von Freuds zweifacher Sprache: einer Sprache des Sinns und einer Sprache der Kraft und deren agonalen Verhältnisses. Vgl. Ricœur 1969, 159. Gondek kritisiert Ricœurs Lesart Freuds insgesamt als restaurativ. Vgl. Gondek 2000, 249.

9 Waldenfels spricht von einer »behutsamen Distanzierung« aufseiten Merleau-Pontys (Waldenfels 1983, 425), Stoller rückt auch für das Spätwerk Merleau-Pontys dessen »erstaunliche Offenheit gegenüber der Freudschen Theorie« in den Vordergrund (Stoller 1999, 75).

10 Es liegen trotzdem auch aktuelle Versuche einer Engführung phänomenologischer und psychoanalytischer Theoreme vor. Vgl. als Beispiel Richir 2000.

11 Vgl. Bernet 2005.

12 Vgl. Nancy/Lacoue-Labarthe 1990.

Literatur

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Dufrenne, Mikel/Paul Ricœur (2000), Karl Jaspers et la philosophie de l'existence, Paris: Seuil 2000.

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Lagache, Daniel (1977), Les Hallucinations Verbales et Travaux Cliniques, Œuvres I. 1932–1946, Paris: PUF 1977.

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14.05.2008
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