Journal Phänomenologie
 
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Journal Phänomenologie / Texte / Heft 22
 
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Schwerpunkteinleitung

Aufgaben und Probleme der Medienphilosophie – zum Schwerpunktthema Philosophie der Medien

Dirk Rustemeyer/Helge Schalk

Diskussionsstränge der Philosophie, Soziologie, Politik, Erziehungswissenschaft, Kommunikations- und Kunsttheorie oder der Literaturwissenschaft versuchen seit geraumer Zeit, das Phänomen »Medien« in den Griff zu bekommen. Der Verbreitung des Medienbegriffs korrespondiert dabei seine Unschärfe. Wenn nicht einfach das Fernsehen oder der Computer gemeint sind, werden das Rad, die Schrift und das Buch - oder allgemeiner noch: die Sprache -, Radio, Presse und Kino, die Elektrizität, Luft oder Licht, abstrakter noch: Fortbewegung als Medien genannt.

Häufig stehen Überlegungen zur Rolle der Medien in einem weitreichenden gesellschafts- und geschichtstheoretischen Kontext. Der Prozess der Modernisierung und Naturbeherrschung mitsamt einer umfassenden Technisierung des menschlichen Verhältnisses zur Welt wird ebenso mit einer Entwicklung der »Medien« in Verbindung gebracht wie Befürchtungen eines durch technische Simulationsmöglichkeiten bedingten Erfahrungsverlustes oder einer sklerotischen Erstarrung der industriegesellschaftlichen Kultur in abstrakten Strukturen, die den Menschen zum Anhängsel seiner Maschinen degradieren. Die Positionen der Medientheoretiker bewegen sich dabei zwischen apokalyptischer Befürchtung und eschatologischer Prophezeiung. Entsprechend kontrovers wird die Rolle der Medien hinsichtlich ihrer Bedeutung für (politische) Selbstbestimmungsmöglichkeiten eingeschätzt. Schon Benjamin erkannte mediale Selbstinszenierungen des Politikers als Antwort des politischen Diskurses auf die Macht der Medien. [1] Heute werden die »Medien« im pädagogischen Diskurs als Miterzieher mit weitreichenden Auswirkungen auf die Sozialisation und die Ausgestaltung eigener Individualität in Peer groups gesehen.

Schwerwiegende Befürchtungen richten sich auf eine medial bedingte Umkehrung des klassischen epistemischen Verhältnisses von Subjekt und Objekt. Demnach werden Wahrnehmung und Wirklichkeit medial so zusammengeschlossen, dass »Ereignisse« zu einer Art Realkopie der Medien werden. Umgekehrt degenerieren »Erlebnisse« zu bloßen Medienevents. Die daran mit moralisch-pädagogischem Gestus anschließende Medienkritik findet wiederum zumeist in den Medien statt. Diese etablieren eine selbstreferentielle und autokatalytische Kommunikation, die vielleicht zum Teil die Konjunktur des Mediendiskurses erklärt. Medien schreiben ihre eigene Evolution fort.

Das weite Spektrum der Rede über Medien verstellt leicht den Blick auf fundamentale Probleme und begriffliche Konfigurationen, die einen Vergleich unterschiedlicher Positionen und Perspektiven ermöglichen würden. Auch gleitet uns der Medienbegriff selbst mehr und mehr aus der Hand. Das Schwerpunktthema »Philosophie der Medien« greift dieses Desiderat auf und fragt nach den theoriestrategischen Koordinaten eines philosophisch fundierten und wissenschaftlich brauchbaren Medienkonzeptes und nach einer genuinen Medienphilosophie. Eine solche Kontextualisierung des Diskurses soll eine kritische Einschätzung der Fragestellungen, der begrifflichen Instrumente, der methodischen Beschreibungen und der philosophischen Perspektiven dieses facettenreichen Themas ermöglichen.

Dabei untersuchen die Autoren des Schwerpunkts, wie sich der Schritt von medientheoretischen Überlegungen hin zu einer Medienphilosophie vollziehen lässt. Machbar scheint dies, wenn der Medienbegriff in eine philosophisch-erkenntniskritische Tradition eingerückt wird und wenn gefragt wird, wie der Medienbegriff dazu beitragen kann, ein schlüssiges Modell menschlicher Erfahrung von Welt zu plausibilisieren.

Sybille Krämer schlägt eine metaphysische Perspektive auf Medien vor und will mit dem Modell des Boten, der unsichtbar hinter jeder Botschaft steht, deutlich machen, dass die Medialität des Mediums nicht hypostasiert werden darf. Der Ursprung einer Botschaft ist nicht das Medium, dieses ist vielmehr Bote und nicht Erzeuger einer Botschaft. Dies ist überzeugend konsequent, gerade wenn man bedenkt, wie seit den 1960er Jahren Medientheoretiker immer neue Begriffssubstitutionen vorgeschlagen haben, um die Reichweite einer Medientheorie zu plausibilisieren. Das Medium sei Zeichen, sei Sprache, sei gar Element jeder Formbildung.

Führt der Weg zu einer Medienphilosophie also weg von den Hypostasierungen der Medientheoretiker unterschiedlichster Disziplinen? Christian Bermes schlägt ebenfalls eine - phänomenologisch begründete - Reduktion der Medialität vor, die keine Letztbegründung des Sinns liefern kann. Medien, als Infrastrukturen des Sinns, stehen innerhalb von Bewandtniszusammenhängen. Sie sind somit nicht Botschaften und auch nicht eineins zu setzen mit Inhalten, Aussagen oder Informationen. Sie sind medienphilosophisch im Modus des Wozu zu betrachten.

Auch der Beitrag von Alexander Roesler zeigt, dass es mit einer Substitution des Zeichenbegriffs durch den des Mediums nicht getan ist, wenn er Medienkommunikation mit den Mitteln der peirceschen Semiotik darstellt. Die berühmte Frage Peirce’s: »Instead of 'Signs', ought I not to say Medium[2], erscheint kaum positiv beantwortbar, bedenkt man, was das Medium dann konsequenterweise wäre: Jede Manifestation der Wahrnehmung im Wahrgenommenen. Wiederum würde uns der Medienbegriff, derart ausgeweitet, unter den Händen hindurch gleiten. Stattdessen muss das Medium in Interpretationszusammenhängen betrachtet werden. Es löst eine Reaktion, ein Urteil, eine Erfahrung aus. Es vermittelt in bestimmten Kommunikationen zwischen Objekten und Sinnbildung.

Dirk Rustemeyer untersucht Medialität im Modus der Vermittlung, das Medium als Drittes zwischen zwei Relata, und rückt Medientheorien ein in einen philosophiehistorischen Zusammenhang mit den zentralen Theoriefiguren Aristoteles’ und Hegels. Hinter dem Problem des Mediums steht die Frage nach der Vermittlung von Sinnlichkeit und Intelligibilität. Wie ist nun die Qualität der Vermittlung, die als neutrale Relation und als unbestimmte Bestimmung gedacht wird, zu sehen? Hier zeigt sich eine Paradoxie des Mediums, die sich semiotisch auflösen lässt, wenn man mit Peirce den Prozess der Vermittlung von Relata gleichzeitig als deren Erzeugung in zeichenhaften Relationen mit dem Ziel der Erzeugung sozialen Sinns deutet.

Alle Beiträge schlagen vor, den Medienbegriff erkenntniskritisch und sinntheoretisch zu bestimmen, ihn aus der Falle einer Verengung im Blick auf moderne Kommunikationstechniken und Apparaturen herauszulösen und gleichzeitig eine theoriesystematisch nicht operationalisierbare Ausweitung des Begriffs zu vermeiden. Es muss der Medienphilosophie vielmehr darum gehen, die Struktur der Medialität zu identifizieren.

[1] Vgl. Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt/M. 1963.

[2] C. S. Peirce, »MS 339« [1906], zit. nach Winfried Nöth, »Introduction«, in: ders. (Hrsg.): Semiotics of the media: state of the art, projects, and perspectives. Berlin, New York 1997, S. 1-11, hier S. 3.

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14.05.2008
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