Journal Phänomenologie
 
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Journal Phänomenologie / Texte / Heft 22
 
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Rezension

Philosophie und Terrorismus: Jürgen Habermas und Jacques Derrida

Jürgen Habermas: Der gespaltene Westen. Kleine politische Schriften X. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2004. 193 S. ISBN 3-518-12383-1, EUR 10,-.

Jürgen Habermas/Jacques Derrida: Philosophie in Zeiten des Terrors. Zwei Gespräche, geführt, eingeleitet und kommentiert von Giovanna Borradori. Aus dem Englischen und Französischen übersetzt von Ulrich Müller-Schöll. Berlin, Wien: Philo 2004. 256 S. ISBN 3-86572-358-6, EUR 24,-.

Die Terrorattacken des 11. September 2001 haben politisch wie philosophisch erheblich verunsichert. Worin könnten Aufgabe und Rolle der Philosophie nach dem »11. September« gesehen werden? In einer Reihe von Gesprächen, Zeitschriften- und Zeitungsbeiträgen hat Jürgen Habermas eine Ortsbestimmung vorzunehmen gesucht. Der Titelbeitrag und in philosophischer Hinsicht gewichtigste und auch umfänglichste Text des zu seinem 75. Geburtstag erschienenen Suhrkamp-Bändchens Der gespaltene Westen (S. 113-193) verbindet dabei politische Raisonnements mit juridischen, rechtshistorischen und vor allem rechts- und geschichtsphilosophischen Betrachtungen. Habermasens entscheidende Bezugsfigur ist Kant, und so darf man die Publikation wohl auch als einen Beitrag zum diesem Kant-Gedenkjahr begreifen.

Man kennt die Frankfurter Vorliebe für Projekte. Das vielzitierte »Projekt der Moderne« erfährt nun mit aktueller Zuspitzung seine Profilierung als »das Kantische Projekt«, das Habermas gegenwärtig sowohl durch das Phänomen eines globalen Terrorismus als auch die in der jüngsten Irak-Krise manifest gewordene Schwäche der Vereinten Nationen herausgefordert sieht. Wie nicht anders zu erwarten, stellt sich Habermas dieser Herausforderung und zeigt sich keinesfalls gewillt, der Anfrage nachzugeben, ob die Handlungsunfähigkeit der Vereinten Nationen einen Bruch mit den »Prämissen des Kantischen Projekts« nahelegten (S. 182). Habermasens Einlassungen sind, ganz im Gegenteil, ein engagiertes und mit Verve vorgetragenes Plädoyer dafür, das Unternehmen des sogenannten »Kantischen Projekts« zu retten und der terrorisierten Welt als Therapeutikum zu empfehlen. Was aber verbirgt sich hinter jenem Label?

Im Visier ist die Idee eines »weltbürgerlichen Zustands« kraft der Verrechtlichung internationaler Beziehungen. Ein Gedanke, den Habermas namentlich Kants Friedensschrift entlehnt und den er naheliegenderweise nicht nur gegen einen Unilateralismus in Stellung bringt, wie er von der Bush-Administration behauptet wird, sondern auch gegenüber alternativen »Visionen« verteidigt: dem »neoliberalen Design einer entstaatlichten Weltmachtgesellschaft«, dem »postmarxistischen Szenario eines zerstreuten Imperiums ohne Machtzentrum« und schließlich der von Carl Schmitt vertretenen Konzeption inkommensurabler und sich polemisch gegeneinander behauptender Großraumordnungen (S. 182 ff.). So sehr Habermas den Kosmopolitismus von Kants Rechts- und Geschichtsphilosophie verficht, sieht er sich andererseits genötigt, die Konzeption von »Befangenheiten« zu lösen, die »dem zeitgenössischen Horizont geschuldet« seien: dem Fehlen eines historischen Bewusstseins, der Unterschätzung der »explosiven Kraft des Nationalismus«, einem unreflektierten Eurozentrismus und einer ebenso unbedachten Einbettung des europäischen Völkerrechts in den Boden der christlichen Kultur (S. 144 f.). Was in der Habermasschen Lesart als »Kantisches Projekt« firmiert, ist indes selber von einer gewissen »Farbenblindheit« geschlagen. Habermas’ Kant, so ist einzuwenden, ist ein für die eigenen politischen Absichten zurechtgestutzter Kant. Die praktische Vernunft spricht zwar ihr Veto, dass kein Krieg sein solle. Doch gehört gerade auch der Krieg elementar zu der von Habermas bemühten »weltbürgerlichen Absicht« der Kantischen Geschichtsphilosophie. Moralischen und rechtlichen Fortschritt mochte sich Kant nur mittels einer »ungeselligen Geselligkeit« denken, die wie selbstverständlich den Krieg als Motor der Geschichte bemüht und als »Wille« oder »Absicht« der Natur respektive Vorsehung erklärt. Die Perspektiven von Kants Geschichtsphilosophie sind denn in Wahrheit weit spannungsvoller, als dies die Rede von einem »Kantischen Projekt« suggeriert. Und auch was plakativ »die Moderne« heißt, wird man kaum auf den schlichten Nenner von »Selbstbewußtsein, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung« (S. 193) bringen können. Gegenüber den Ambivalenzen und Aporien der Moderne bleibt Habermas hartnäckig resistent.

Auf letztere macht hingegen Jacques Derrida – und sehr zu Recht – aufmerksam, ohne deshalb, wie bisweilen unterstellt, das Kantsche Erbe einfach über Bord zu werfen. Für die »Dialektik der Aufklärung«, so scheint es, ist er weitaus empfänglicher als der einstige Schüler Adornos und Horkheimers. Ironie der Geschichte? Der von Giovanna Borradori herausgegebene Band Philosophie in Zeiten des Terrors enthält neben einem nach dem 11. September 2001 geführten Gespräch mit Habermas – der Text findet sich an erster Stelle auch in dem Band Der gespaltene Westen abgedruckt – ein ausführliches Interview mit Derrida, das gleichfalls unmittelbar nach den New Yorker Anschlägen geführt wurde. Flankiert werden die Gespräche von informativen und luziden Essays der Herausgeberin, die die Positionen im Gesamtgefüge des jeweiligen philosophischen Ansatzes verorten. Deutlich werden so Übereinstimmung mit, aber auch bemerkenswerte Abgrenzungen von Habermas.

Begreift Habermas den Terrorismus als eine – wenngleich extreme – Form einer letztlich therapierbaren Kommunikationsstörung, zeigt sich Derrida gegenüber derartigen Erwartungen mit guten Gründen skeptisch. Offenkundig nämlich folge der den Terrorattacken antwortende sogenannte »Krieg gegen den Terrorismus« einer Logik der Autoimmunisierung, die die Ursachen des »Bösen«, das doch ausgelöscht werden sollte, eher befördere (S. 134). Hat sich andererseits der mit dem Ereignis des 11. September verknüpfte Terrorismus nicht überhaupt nur dank der modernen Medien, vor allem des Fernsehens, in der Weise inszenieren können, in der er das getan hat? Und sind im Interesse maximaler Mediatisierung die Befürworter eines »Kriegs gegen den Terrorismus« nicht gerade mit den »Terroristen« des 11. September in einer merkwürdigen Allianz vereint? (S. 144) Es könnte freilich sein, meint Derrida, dass der Einfall der New Yorker Twin Towers alsbald für ein »archaisches Theater der Gewalt« steht. Denn: »Morgen wird man viel Schlimmeres anrichten können, unsichtbar, im Stillen, viel schneller, auf unblutige Weise, indem man die networks der Informatik angreift, von denen das gesamte [...] Leben eines ›großen Landes‹, der größten Macht der Welt abhängt. Eines Tages wird man sagen: Der 11. September, das war die (›gute‹) alte Zeit des letzten Krieges. Der gehörte noch zur Ordnung des Gigantischen: sichtbar und riesig!« (S. 136) Schon jetzt freilich gibt es einen »Krieg der Bilder und Diskurse«, der die Wahrheit eher verstellt als enthüllt. »Das Schlimmste, scheint es, ist zugleich das Beste. Das ist es, was schrecklich, furchterregend, terrorisierend ist und hier auf der Erde, innerhalb und jenseits der Territorien, die letzte Ressource aller Terrorismen bleibt« (S. 164). Bei dieser nüchternen und ernüchternden Diagnose bleibt Derrida aber keineswegs stehen. Zuletzt und entscheidend geht es ihm wie Habermas um eine Reformulierung (oder Dekonstruktion) des aufklärerischen Erbes – im Horizont allerdings nicht eines universalistischen Verständigungsparadigmas, im Zeichen vielmehr dessen, was bei Derrida »zukünftige Demokratie« und »Gastfreundschaft« heißt (S. 165-176). Erforderlich scheint auch ihm eine »Refundierung des [...] Rechtlich-Politischen« (S. 141), die Abkehr von einer theologisch-politischer Programmatik folgenden Politik (sei es derjenigen eines Bin Laden oder eines Bush). Geboten sei bei aller Mangelhaftigkeit eine Respektierung der bestehenden internationalen Institutionen (S. 152). Seine Hoffnung richtet Derrida aber doch nicht so sehr auf ein »anderes Amerika« als auf eine »neue Gestalt Europas« (S. 154). Aufgrund seiner reichen und schmerzhaften Erfahrungen hinsichtlich der Verhältnisse zwischen Politischem und Theologischem seit der Epoche der Aufklärung könnte Europa »einen wesentlichen Beitrag zur Zukunft des internationalen Rechts leisten« (ebd.). Die Konturen dieses anderen Europa (ein unterschwelliger Eurozentrismus?) und einer anderen Geschichte (einer Geschichte ohne das Telos eines »ewigen Friedens«) bleiben freilich vage und dunkel, wie Derrida einräumen muss (S. 160). Das mag man unbefriedigend finden. Indes zeugt solche theoretische Zurückhaltung vielleicht von größerer Redlichkeit als ein Diskurs, der uns der Eindeutigkeit seiner Moral doch nur im Wege gewaltsamer Exklusionen zu versichern vermag.

Andreas Großmann

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down ISSN 1027-5657 JPh Logo
14.05.2008
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