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Journal Phänomenologie / Texte / Heft 21
 
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Schwerpunkteinleitung

Texte und Handlungen – Zum Schwerpunktthema Paul Ricœur

Birgit Schaaff

Nimmt man für die Beschäftigung mit dem Werk Paul Ricœurs die Begriffe »Text« und »Handlung« zum Leitfaden, so ergibt sich auf den ersten Blick eine recht grobe Einteilung seines Schaffens in drei Phasen: eine Phänomenologie des Wollens, eine Hermeneutik des Textes und schließlich die sogenannte »hermeneutische Phänomenologie« des – praktischen – Selbst.

Mit der groß angelegten Studie zur Philosophie des Wollens stellt Ricœur in den 50er Jahren das Handeln im Spannungsfeld zwischen Natur und Freiheit in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Jedoch kommt es noch im Lichte dieses Problems zur ersten Verschiebung: Die Phänomene des Bösen und der Schuld nämlich erweisen sich als mit den Mitteln eidetischer Phänomenologie kaum zugänglich. So nimmt Ricœur einen Umweg über Texte – und zwar über Texte, in denen die Erfahrung des Schuldigwerdens zur Sprache kommt. Dass dies auf symbolisch verschlüsselte Weise geschieht, macht Interpretation nötig und erweist sich insofern für den Fortgang der Ricœrschen Studien als folgenreich. Mit dieser viel besprochenen »hermeneutischen Wende« bleibt bis in die 80er Jahre hinein der Text im Fokus von Ricœurs Forschung. Allerdings wäre man auf dem Holzwege, vermutete man hinter seiner Texthermeneutik eine Ausblendung der Probleme praktischer Philosophie. Grundmotiv bleibt die Frage nach dem Menschen als einem Handelnden, sei es, dass – wie in Ricœurs Kritik an der Tradition des Cogito – die Bedeutung des Bewusstseins außerhalb seiner selbst in der handelnden Auseinandersetzung mit der Welt gesucht wird, sei es, dass – wie in der berühmten Studie über die Metapher – die Entstehung des Neuen am Beispiel von Sprechhandlungen im Blick ist.

Mit der bis dato leider nur in Auszügen übersetzten Aufsatzsammlung »Du texte à l’action«1 macht Ricœur das für seine Philosophie so zentrale Verhältnis zwischen Text und Handlung zum Thema, und zwar auf zweifache Weise. Der programmatische Aufsatz »Der Text als Modell«2 legt offen, dass die herausgearbeitete Texthermeneutik gewissermaßen das Handwerkszeug bereitstellt für die philosophische Beschäftigung mit dem Menschen als einem Wesen, das dem Betrachter nur in seinem Weltbezug zugänglich wird. Warum aber kann es philosophisch fruchtbar sein, menschliches Handeln mit der Produktion eines Textes zu vergleichen?

Ricœur zeigt, dass es auch im Bereich menschlichen Verhaltens eine »Exteriorisierung« gibt, die mit der Objektivität des Textes zu vergleichen ist. Das Verhalten als solches freilich entspricht dabei nicht schon einem Text, sondern ist ein orts- und zeitgebundenes Ereignis wie die Rede. Etwas aber im Verhalten übersteigt diese Orts- und Zeitgebundenheit – und aufgrund dieser Exteriorisierung kann menschliches Verhalten zum Gegenstand einer wissenschaftlich begründeten Beschäftigung mit dem Menschen werden. Vier Hinsichten sind es, in denen das Verhalten einen Ereignischarakter übersteigt: Zunächst weist das Verhalten ähnlich dem Sprechakt präpositionale Inhalte und illokutionäre Dimensionen auf. Zweitens löst es sich potentiell von den ursprünglichen Intentionen des Handelnden ab und hinterlässt seine Spuren in Geschichte und Gesellschaft. Drittens kann die Bedeutung eines Ereignisses seine Zeit überschreiten und den Blick auf eine andere Welt ermöglichen. Viertens bleibt Handeln stets offen für Reinterpretationen in der Zukunft.

Dass Handlungen insofern als Textanaloga zu betrachten sind, hat Folgen für das Konzept der Hermeneutik und ihr Verhältnis zu den Einzelwissenschaften. Dem Philosophen wird der wissenschaftlich-analytische Blick zugemutet als eine das Verstehen begleitende und bereichernde Distanzierungsleistung. Einen Text zu verstehen, kann nicht bedeuten, sich in die bei der Produktion desselben virulente Intention des Autors einzufühlen. Entsprechend kann es bei der Untersuchung von Handlungen nicht um die Rekonstruktion der hinter der Handlung stehenden Intention gehen. Nicht umsonst ist das Hin und Her zwischen Zugehörigkeit und Distanzierung, das hier als Wechsel von Erklären und Verstehen auftritt, als Charakteristikum der Ricœurschen Hermeneutik bezeichnet worden.3 Auf dieser methodischen Ebene, auf der Ricœur empfiehlt, Handlungen wie Texte zu betrachten, erscheint der Weg über den Text als Umweg im Dienste einer reflektierten Betrachtung von Handlungen.

Der Text ist aber bei Ricœur nicht allein Paradigma der wissenschaftlich-philosophischen Interpretation menschlichen Handelns, er bleibt auch als Alltagsphänomen im Blick: als Verstehensleitung eines Selbst, das nur über die Welt – und so eben auch über Texte – einen Zugang zu sich selbst hat. Hier geraten insbesondere Literatur und Geschichtsschreibung in den Blick, und dies wiederum in zweifacher Perspektive: Zum einen geht es Ricœur um die Frage, warum Handlungen überhaupt erzählbar sind, sich also dazu eignen, zu Texten zu werden. Zum anderen fragt er in umgekehrter Richtung nach der Rückwirkung von Texten auf menschliches Selbstverständnis und Handeln. Zu denken ist an dieser Stelle zentral an die Überlegungen zum Zusammenhang von Erzählung und Identität. Literarische Texte erscheinen vor diesem Hintergrund als eidetische Variationen der Wirklichkeit, als Zugang zu anderen möglichen Welten – mit neuen Horizonten des Handelns.

Mit der Frage nach den Handlungsmöglichkeiten freilich liegen die Bereiche von Ethik und Politik erneut nahe. Und genau sie sind es, denen sich Ricœur in seiner auch von ihm so verstandenen Rückkehr zu den Fragestellungen des Frühwerkes erneut zuwendet.4 Dass ihn auch hier bei seinen Untersuchungen zum Selbst als einem Handelnden die Texte weiterhin nicht loslassen, mag allein der Hinweis darauf belegen, dass er seiner »Kleinen Ethik«5 eine Lektüre der Sophokleischen »Antigone« an die Seite stellt. In diesem Fall allerdings klafft zwischen Interpretation und philosophischer Überlegung eine wohlbeabsichtigte Lücke, die zu schließen der Philosoph sich verweigert.

Die hier versammelten Aufsätze setzen sich alle – wenn auch auf verschiedene Weise – mit dem Handlungsbegriff Ricœurs auseinander. Dabei nehmen sie verschiedene Phasen des Werkes in den Blick. Für Jeffrey Barash steht Ricœurs Symbolbegriff und dessen Abgrenzung gegenüber dem Konzept Cassirers im Mittelpunkt. In seiner Auseinandersetzung mit Freud habe Ricœur zwar die Aussagekraft der symbolischen Sprache des Unbewussten bekräftigt, sich allerdings der Reduktion der Symbolisierung auf ein reines Kräftespiel widersetzt.

Ähnlich, wenn auch dem Einsatzpunkt entsprechend vorsichtiger, geht es Wayne Froman darum, inwiefern dem Selbst in Ricœurscher Sicht noch »Handlungsmächtigkeit« bleibt. Ausgehend von der großen Studie »Das Selbst als ein Anderer« sieht er im Akt der Bezeugung einen letzten Widerstand des Selbst gegenüber der ihm selbst sich aufdrängenden Fraglichkeit seiner Identität.

Dan Bradley lotet die andere Seite des Problems aus und zeigt, dass Ricœur – wenn auch auf andere Weise als Levinas – eine dem Handeln innewohnende Passivität konzipiert.

Auf den ersten Blick scheint László Tengelyi ein ganz anderes Thema aufzunehmen, wenn er sich ausgehend von der Braudel-Interpretation in »Zeit und Erzählung« mit dem narrativistischen Ansatz Ricœurs und dessen Modifikation in der jüngsten Monographie »La mémoire, l’histoire, l’oubli«6 beschäftigt. Freilich mag das verzeichnete vorsichtige Abrücken vom Narrativismus noch folgenreich sein. Welche Konsequenzen Ricœur – und heute vielleicht schon der Leser – für die Philosophie des Selbst als eines Handelnden ziehen mag, bleibt – vorerst – offen.

 

Anmerkungen

1. Paul Ricœur, Du texte à l’action. Essais d’herméneutique II, Paris: Seuil 1986.

2. Paul Ricœur, »Der Text als Modell: hermeneutisches Verstehen«, in: Hans-Georg Gadamer, Gottfried Boehm, Seminar: Die Hermeneutik und die Wissenschaften, Frankfurt: Suhrkamp 1978, S. 83–117.

3. So etwa bei Franz Prammer, Die philosophische Hermeneutik Paul Ricœurs, Innsbruck, Wien: Tyrolia 1988.

4. Vgl. »Der Philosoph und sein Glaube«, Paul Ricœur interviewt von Yvanka B. Raynova, Deutsche Zeitschrift für Philosophie 52/1 (2004), S. 85-112, hier S. 85.

5. Gemeint sind die Abhandlungen 7–9 in: Paul Ricœur, Soi-même comme un autre, Paris: Seuil 1990; dt.: Das Selbst als ein Anderer, München: Fink 1996.

6. Paul Ricœur, La mémoire, l’histoire, l’oubli, Paris: Seuil 2000.

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14.05.2008
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