Journal Phänomenologie
 
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Journal Phänomenologie / Texte / Heft 20
 
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Schwerpunkteinleitung

Hans Jonas und die Phänomenologie

Martin W. Schnell

I.

Der 1903 in Mönchengladbach geborene Hans Jonas, Jude und bisweilen auch Zionist, nimmt im Sommersemester 1921 in Freiburg im Breisgau das Philosophiestudium bei Edmund Husserl und Martin Heidegger auf. Nach einem Zwischenspiel in Berlin, wo er Leo Strauss und Günther Anders kennen lernt, setzt Jonas im Wintersemester 1924 sein Studium in Marburg fort, und zwar bei Heidegger, der bis zu Hitlers Machtergreifung sein Lehrer sein wird, und bei dem Theologen Rudolf Bultmann. Jonas befreundet sich mit Hannah Arendt und lernt Karl Löwith sowie Hans-Georg Gadamer kennen. Über die Gnosis als historisches und vor allem als systematisches Problem promoviert Jonas 1928 bei Heidegger. Der erste Band des aus der Dissertation hervorgehenden Buches erscheint noch 1934, der zweite dann erst 1954. Zur Vorbereitung der Habilitation betreibt der Sohn eines niederrheinischen Textilfabrikanten Privatstudien in Paris, Köln und Frankfurt, wo er kurzzeitig dem Kreis um den Soziologen Karl Mannheim angehört.

1933 entschließt sich Jonas direkt zur Emigration! Er ist einer der zahlreichen jüdischen Wissenschaftler, die nach ihrer Vertreibung gezwungen waren, einen neuen Platz in der akademischen Welt zu finden. Jonas erreicht 1935 Palästina und beginnt zunächst das Leben eines politischen Bürgers. Er tritt 1940 als Freiwilliger der britischen Armee bei und kehrt 1945 in Uniform in seine alte Heimat zurück. Erst in den ausgehenden 1940er Jahren beginnt die eigentliche akademische Karriere des Philosophen Hans Jonas.

Ähnlich wie Hannah Arendt betritt Jonas sein Vaterland fortan nur noch als Besucher. Das Verhältnis zu Bultmann wird zur Freundschaft, eine Erneuerung der Beziehung zu Heidegger scheitert hingegen. Wie in anderen Fällen ist es auch hier Heideggers uneinsichtiges Verhalten gegenüber seinen Fehlern während des Nationalsozialismus, das eine Wiederaufnahme der ehemals engen Bekanntschaft verhindert.

Nach ersten Anläufen als akademischer Lehrer in Kanada tritt Jonas 1955 eine Professur an der New School for Social Research in Manhattan an. Diese für Emigranten gegründete Universität bot zahlreichen jüdischen Schülern Husserls einen Neuanfang. Neben Hannah Arendt, Karl Löwith und Helmuth Plessner sind hier besonders Alfred Schütz und Aron Gurwitsch zu erwähnen. Mit beiden war auch Jonas bekannt.

In den ausgehenden 1950er und in den 60er Jahren befasst sich Jonas mit einer neuen Sicht auf die Natur. Seine philosophische Biologie wird zur Grundlage des Prinzips Verantwortung (1979). Diese Ethik für die technologische Zivilisation trifft die Stimmung der Friedens- und Ökobewegung, der Atomkraftgegner. Sie gibt eine Antwort auf die Frage, was nach dem Zusammenbruch der Ideologie der instrumentellen Vernunft und angesichts der Grenzen des Wachstums und einer Ausweitung der Risikogesellschaft zu tun ist. Jonas erfährt in der Zeit bis zu seinem Tod im Jahre 1993 eine späte, aber dennoch überwältigende Anerkennung. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, das Große Bundesverdienstkreuz und die Ehrenbürgerschaft seiner Vaterstadt sind ein Zeugnis dessen.

Die zum 100. Geburtstag erschienenen Erinnerungen Jonas’ (vgl. Jonas 2003) nimmt im nachfolgenden Schwerpunkt Ralf Seidel, Arzt für Neurologie und Psychiatrie, Vorsitzender der Hans-Jonas-Gesellschaft in Mönchengladbach, zum Anlass eines persönlichen Rückblicks auf seine 1985 begonnene Freundschaft zu Hans und Lore Jonas. Als Arzt geht Seidel mit Jonas vom Phänomen des Lebens aus, das sich als verletzlich erweist und damit von der Andersheit des Ver-rücktseins affiziert ist (vgl. Seidel 1997).

II.

Im Mittelpunkt seines philosophischen Anfangs steht das zwischen 1925 und 1933 entstandene Werk Gnosis und spätantiker Geist. Dieses Gesellenstück, wie Jonas selbst sagt, ist eine Anwendung der Heidegger’schen Existentialanalytik auf die spätantike Gnosis. Viele Jahre später erst bemerkt er, dass die Daseinsanalytik deshalb so gut auf die Gnosis angewendet werden kann, weil diese selbst schon eine verkleidete Gnosis ist. Heidegger ist ein Gnostiker der Gegenwart (vgl. Jonas 1960).

Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss Rudolf Bultmanns auf Jonas’ frühe Phänomenologie der Existenz. Dieser dürfte in der Bestätigung der Perspektive liegen, die Jonas eingeschlagen hatte. Bultmann beschäftigte sich nämlich seinerseits ebenfalls mit einer existentialen Interpretation, die bestimmte Grundstrukturen des Daseins aufdecken sollte. Seine diesbezüglich existenzialen Analysen der Texte des Neuen Testaments bedeuten zugleich eine Entmythologisierung und damit Verbindung zwischen Theologie und Existenzphilosophie. Das Neue Testament ist nicht länger Mythos, sondern Ausdruck der Selbst- und Welterfahrung des Daseins.

Die Beziehung ist keineswegs nur die klassische von Lehrer und Schüler gewesen, wie Auszüge aus dem bislang noch unveröffentlichten Briefwechsel zwischen Bultmann und Jonas belegen, welche, dank der Bemühungen von Andreas Großmann, in diesem Schwerpunkt erstmals öffentlich zugänglich gemacht werden.

Das Zentrum der zweiten Werkphase bildet das 1966 veröffentlichte Buch Phenomenon of Life, durch das Jonas Towards a philosophical Biology aufbrach. Diese Bewegung bewirkt eine Neuausrichtung, da der gnostische Gegensatz zwischen Mensch und Welt/Natur beseitigt wird. Jonas spricht selbst von einer neuen Ontologie. In seiner Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften vertritt Jonas die These, dass alle Lebewesen teleologisch aufgebaut sind. Damit meint er weniger eine zielgerichtete Entfaltung und Fortschrittsbewegung als eine Sorge um Selbsterhaltung auf unterschiedlichen Stufen. Der Mensch ist das freieste und zugleich das schutzbedürftigste Wesen. Das Programm einer philosophischen Biologie schillert letztlich zwischen eher klassisch metaphysischen Schattierungen und der modernen Anthropologie im Ausgang von Plessner.

Während die deutsche Philosophie im Umfeld von Dietrich Böhler und der Diskursethik Jonas’ Überlegungen zu Natur und Leben eher distanziert gegenübersteht und möglichst von der praktischen Philosophie abkoppelt, wählt die französische Philosophie einen anderen Weg. Die erst nach 1990 durch die von Jean Greisch besorgte Übersetzung des Principe responsabilité einsetzende Debatte akzeptiert zunächst, nicht zuletzt aufgrund der Initiative Paul Ricœurs, dass die Frage nach einer naturphilosophischen Basis der Ethik grundsätzlich sinnvoll ist. Allerdings wirft sie in Gestalt von Jacques Taminiaux oder Luc Ferry Jonas vor, ein nichtdemokratischer und damit ein problematischer Philosoph zu sein. Nathalie Frogneux folgt diesem Gesichtspunkt und zeigt, dass Jonas’ Schwierigkeiten mit der Demokratie daher rühren, dass er schon in seiner Anthropologie keine Pluralität im Rahmen einer Relationalität denken könne. Im Unterschied zum Hauptstrom der französischen Debatte arbeitet Frogneux jedoch Ansatzpunkte für alternative Lesarten heraus und trägt damit zu der auch von Markus Dederich diskutierten Frage nach dem Stellenwert einer ethischen Andersheit bei.

Der Ertrag von Jonas’ philosophischer Biologie, welche zahlreiche phänomenologische Motive enthält, dürfte im Ausgang dessen künftig noch weiter zu ermessen sein. Ein Vergleich mit Maurice Merleau-Pontys Vorlesungen über Die Natur (Collège de France 1956-1960; dt. 2000), und zwar im Hinblick auf die zunehmende Macht der biotechnologischen Ideologien, könnte hier recht lohnenswert sein (vgl. Schnell 2002a).

Aus der philosophischen Biologie folgt, dass nicht nur der Mensch, sondern auch die Natur Würde hat. Jonas sieht es als konsequent an, aus der Ontologie eine Ethik zu entwickeln. Das Prinzip Verantwortung (1979) sowie zahlreiche Arbeiten zur Biomedizin und zur Technologiefolgenabschätzung, wie man seinerzeit sagte, stehen im Mittelpunkt der dritten Werkphase, die für Jonas der Höhepunkt seiner Philosophie ist.

Martin W. Schnell greift in seinem Beitrag einige der zentralen Motive der Ethik Jonas’ auf und unternimmt den Versuch, diese mit den Augen der neueren französischen Phänomenologie zu lesen. Es sollen metaphysische Restbestände abgestoßen werden, damit Jonas’ praktisches Anliegen im Diskurs gegenwärtiger Sozialphilosophie nicht an Bedeutung verliert. Die in diesem Zusammenhang eingeführte Lesart der Ethik als Schutzbereich wird von Markus Dederich auf den Testfall von Menschen mit Behinderungen bezogen, und zwar im Licht der Frage, welchen Beitrag Hans Jonas zu einer nichtexklusiven, Andersheit und Differenz achtenden Ethik leistet.

III.

Als Philosoph ist Hans Jonas Heidegger’s Children zuzurechnen, wie Richard Wolin sagt (vgl. Wolin 2001). Von Heidegger hat er sich jedoch, wie auch seine "Geschwister" Hannah Arendt, Karl Löwith und Herbert Marcuse, emanzipiert, indem er die praktische Philosophie nicht der Ontologie unterordnete. Mit Levinas und Ricœur zählt Jonas zu den Autoren, die das Verhältnis von Ethik und Ontologie neu überdacht haben. Im Unterschied zu den genannten Sozialphilosophen bleibt seine praktische Philosophie jedoch konventionell. Selbst noch im Vergleich mit der teilweise recht ‚alteuropäischen‘ Hannah Arendt erscheint Jonas als unmodern. Seine Ethik ist unpolitisch, weil sie den politischen Diskurs nicht produktiv zu nutzen vermag, sondern in brenzligen Situationen eigentlich nur den Verzicht auf Utopien und die Skepsis gegenüber der Demokratie zu bieten hat. Seine Haltung ist die eines Wertkonservativen, der das Schicksal des Gnostikers, nämlich in einer unbewohnbaren Welt leben zu müssen, mehr fürchtet, als er die Herausforderung des Neuen liebt.

Das Politische, wie es die Phänomenologie seit Husserl bekanntlich versteht, tritt bereits in der und als Sinn- und Bedeutungsbildung auf (vgl. Schnell 2002b). Eine Probe darauf liefert stets die Frage, wie der Charakter der Wahrnehmung und der Erfahrung gedacht wird. Jonas geht auch hier traditionell vor. Er hebt kein ethisches Hören hervor, sondern eine "Nobility of Sight" (Jonas 1953), die organische Grundlagen habe und die die harmonische Verankerung des Menschen in der Welt erlebe und bezeuge. Adel verkennt Mangel und glaubt deshalb, es gäbe keinen. Die Erfahrung lehrt aber etwas anderes, denn sie geht in der Mehrmeinung über das aktuell Wahrgenommene hinaus, und zwar ins Ungewisse. Die Abstraktion, die Jonas darin aufkeimen sieht (vgl. Jonas 1994, S. 116 f.), wird zur Nagelprobe: Kann man die Erwartung verantworten, dass in Zukunft alles so weitergehen möge wie bisher, oder soll man sich eine bessere Zukunft erhoffen dürfen?

IV.

Bis auf den Text von Andreas Großmann gehen die nachfolgenden Aufsätze auf Vorträge zurück, die zu Ehren des 100. Geburtstages von Hans Jonas auf einer Tagung der Hans-Jonas-Gesellschaft vom 19. bis 20. September 2003 im Städtischen Museum Abteiberg der Stadt Mönchengladbach gehalten worden sind.

 

Literatur

Jonas, Hans (1953): "The Nobility of Sight. A Study in the Phenomenology of Senses", in: Philosophy and Phenomenologic Research 54 (1953), S. 507-552.

- (1960): "Gnosis und moderner Nihilismus", in: Kerygma und Dogma 6 (1960), S. 155-181.

- (1994): "Homo Pictor. Von der Freiheit des Bildens", in: Gottfried Boehm (Hg.), Was ist ein Bild?, München: Fink 1994, S. 105-124.

- (2003): Erinnerungen. Nach Gesprächen mit Rachel Salamander, Frankfurt/Main, Leipzig: Insel.

Schnell, Martin W. (2002a): "Ideologie und Anthropologie. Zur Wiederkehr des leiblosen Geistes", in: Heinrich Greving / Dieter Gröschke (Hg.), Das Sisyphos-Prinzip. Gesellschaftsanalytische und gesellschaftskritische Dimensionen der Heilpädagogik, Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2002, S. 161-174.

- (2002b): "Ricœur und Merleau-Ponty als Kritiker Husserls", in: Stefan Orth / Andris Breitling (Hg.), Vor dem Text. Hermeneutik und Phänomenologie im Denken Paul Ricœurs, Berlin: Verlag der TU 2002, S. 39-50.

Seidel, Ralf (1997): "Die unmögliche Person. Zum Begriff der Person in der Psychiatrie", in: Peter Strasser / Edgar Starz (Hg.), Personsein aus bioethischer Sicht, Stuttgart: Steiner 1997, S. 101-113.

Wolin, Richard (2001): Heidegger’s Children. Hannah Arendt, Karl Löwith, Hans Jonas, and Herbert Marcuse, Princeton: Princeton University Press 2001.

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