Journal Phänomenologie

 

 
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Journal Phänomenologie / Texte / Schwerpunkt-Einleitung Heft 17/2002
 
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Schwerpunkt: Gilles Deleuze

Marc Rölli

Gilles Deleuze ist ein Philosoph, dessen Reputation den Zugang zu seinen Büchern eher versperrt als geöffnet hat. Zwar "kennt man ihn" oder hat doch "viel von ihm gehört". Aber es ist zweifelhaft, ob es jeweils das Richtige oder das Beste war, das man gehört hat. Vielleicht stimmt es, dass Deleuze radikaler als andere DenkerInnen in Frankreich die Philosophie und ihre Geschichte kritisiert, umgeschrieben und umgekrempelt hat. Vielleicht stimmt es auch, dass ihn sein gemeinsam mit Félix Guattari verfolgtes Projekt Kapitalismus und Schizophrenie weit weg von den etablierten disziplinären Einteilungen der Wissenschaften geführt hat. Dass aber die Schwierigkeit seiner Philosophie in selbst verschuldeter Verwirrung bzw. ihr fröhlicher Radikalismus in der bloßen Lust an der Übertreibung begründet sei, das wird man nicht sagen können. Rhizom-Denken und Schizo-Analyse, Etiketten eines anderen Denkens, verkleben mit ihrem anarchistischen Slang, was sie bezeichnen. "The simple aestheticization of Deleuze’s work [...] effectively neutralizes its critical bite." [ 1 ] Wenn im Journal dieses Mal Deleuze "vorgestellt" wird, dann in der Absicht, mögliche Lesarten seiner Philosophie zu präsentieren, die die überraschende Relevanz und Vielschichtigkeit seines Denkens für bestimmte philosophische Themen und Fragestellungen herausarbeiten. Das ist, erstaunlich genug, im deutschsprachigen Raum nur selten geschehen.

Zunächst versuche ich in dem einleitenden Aufsatz das Verhältnis von Deleuze zur Phänomenologie aufzuklären. Dabei zeigt sich, dass sich Deleuze entgegen der landläufigen Meinung nicht nur kritisch auf die Phänomenologie bezieht, sondern auch im Kontext seiner zeittheoretischen Überlegungen zur Subjektivierung stark von ihr profitiert. Deleuze macht deutlich, dass es die Phänomene selbst sind, die nach einer ebenso immanenz- wie differenzphilosophischen Konzeption der Erfahrung verlangen. Während sich mein Text auf die Schnittstellen mit der Phänomenologie im engeren Sinne und ihre notwendige Transformation beschränkt, präsentiert der Aufsatz von Ralf Krause über das Ethos der Immanenz die Grundlagen der deleuzeschen Philosophie im Ausgang von David Hume und der Tradition des Empirismus. Das überkommene Bild des Denkens, das sich mit dem Ausschluss der angeborenen Dummheit und Endlichkeit des Menschen konstituiert, das insgeheim den guten Willen und die wahre Natur des Denkens unterstellt, wird mit einem "Außenbereich" voller Singularitäten ("Ebene der Immanenz") konfrontiert, die sich selbst in unterschiedlichen Modi der zeitlichen Synthesis - ohne vorausgesetzte metaphysische Instanzen - differenzieren und aktualisieren. Ralf Krause erläutert diese passiven Subjektivierungsvorgänge, indem er auf die von Hume bereitgestellte assoziationstheoretische Deutung der Bildungsprozesse von Glaube und Gewohnheit zurückgreift. In einem weitergehenden Schritt (mit Blick auf die Spinoza-Interpretationen von Deleuze) wird sodann die Affektion an eine Affektfähigkeit geknüpft, die auf paradoxe Weise mit dem philosophischen Denken in einem Verhältnis der Wechselwirkung steht. Im dritten Text unternimmt Mirjam Schaub eine kleine Strukturanalyse des profanen "Glaubens an ..." und gibt damit ein Beispiel für die Anwendungsmöglichkeiten des deleuzeschen Denkens. In Analogie zur Auflösung der Dialektik des Begehrens in einer Struktur des Anderen a priori zerlegt sie die dialektische Anerkennungsstruktur des Glaubens zugunsten einer Tautologie des Glaubens an die Immanenz. Dreh- und Angelpunkt ihrer Argumentation ist die von Deleuze in seinem Kino-Buch über das Zeitbild mehrfach geäußerte These, dass wir Gründe brauchen (und finden müssen), um an diese Welt zu glauben. Diese Gründe, und das versteht sich bei Deleuze eigentlich von selbst, sind nicht theologischer Art, sondern entstammen dem Einblick in die motivationalen und sinnlichen Tiefendimensionen der Erfahrung. Zuletzt sei an dieser Stelle noch auf die Rezension der dreibändigen Critical assessments of leading philosophers - gemeint sind Deleuze und Guattari - in diesem Heft verwiesen. Dort wurde versucht, einige Linien der Ablehnungen, Aufnahmen und Übernahmen vor allem ihres philosophischen Denkens zu skizzieren.

[ 1 ] Alistair Welchman: "Machinic thinking", in: Gary Genosko (Hg.): Deleuze and Guattari. Critical assessments of leading philosophers. Bd. 3, London, New York: Routledge 2001, S. 1247.

© 2002 by Marc Rölli

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down ISSN 1027-5657 JPh Logo
14.05.2008
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