Journal Phänomenologie

 

 
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Journal Phänomenologie / Texte / Schwerpunkt-Einleitung Heft 16/2001
 
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Schwerpunkt: Beschreibung

Birgit Griesecke

So eng ist, seitdem Husserl die von ihm inaugurierte Phänomenologie auf ‚reine Deskription' verpflichtet hat, der Zusammenhang von Phänomenologie und Beschreibung geworden, dass beide Wörter häufig - simplifizierend genug - synonym verwendet werden. Gleichwohl gibt es, wie Orth feststellt, bei Husserl "nirgends eine zusammenhängende Würdigung oder gar ausführlich monographische Erörterung dieses so grundphänomenologischen Schlagwortes - sei es in historischer oder systematischer Hinsicht".

Gehen wir nun davon aus, dass in der Abbaubewegung der ‚Reduktion', jener reflexiven Distanznahme von geltenden Vormeinungen, die die Kehrseite einer Zuwendung "zu den Sachen selbst" meint, die Beschreibung über ihre Bedingungen erst aufgeklärt wird, uns jedoch die phänomenologische Reduktion eben erst einmal dorthin führt, wo uns die Namen fehlen, stehen wir zunächst vor der Aufgabe zu erfassen, auf welche Weise die Aktualität des Blicks in die Repräsentanz der Schrift überführt werden kann: Indem Matthias Fischer ‚Beschreibung' in das abgründige, wenig verlässliche, wenig kalkulierbare Geschehen zwischen Blick und Schrift einspannt, wird gleich zu Beginn unserer kleinen deskriptiven Reihe deutlich, dass die Abkehr von strengen Deduktionen, von festen terminologischen Regelwerken, substituierenden ‚Erklärungen' und breit angelegten Theorien uns auf einigermaßen "unbequeme" Arbeitsfelder führt.

Auch in Wittgensteins Beschreibungen geht es, wie ich in meinem eigenen Beitrag anhand seiner Lektürenotizen zu Frazers Golden Bough zu zeigen versuche, keineswegs beschaulich zu: Gegen ethnographisch ‚erklärende' Ansätze konturiert er seine rabiate, da vertraute Sprach- und Darlegungsregelungen überschreitende Beschreibungsalternative mit dem etwas lapidar anmutenden Begriff der ‚übersichtlichen Darstellung'. Es kommt darauf an, (interkulturelle) Phänomene in ihren unterschiedlichsten Aspekten als ‚Zwischenglieder' so zu arrangieren, dass wir auch verdeckte oder ignorierte, unvermutete oder irritierende Zusammenhänge, Übergänge und Familienähnlichkeiten aufspüren können, ohne dabei einem wie auch immer definierten Wesensgehalt zuzustreben.

Während in der Frazer-Kritik ‚Beschreibung' und ‚übersichtliche Darstellung' an fremden Riten, seltsamen Gebräuchen und unvertrauten Institutionen erprobt werden, nutzt Werner Kogge, nachdem er gezeigt hat, was passiert, wenn Simmel, Adorno, Bloch und Heidegger über Krüge und Henkel nachdenken, die wittgensteinsche Konzeption als einen Ausblick auf technikphilosophische Aufgabenstellungen, insofern auf diesem Hintergrund die Dinge - "from the bottom up" - hinsichtlich der "Formen ihres Gebrauchs, ihrer Abwandlungen, Ähnlichkeiten und Aspekte" zu beschreiben sind und so "Umgestaltungen, Neugruppierungen, Überschreitungen", nicht zuletzt wiederum die befremdlichen Eigenheiten der Dinge, Werkzeuge und Geräte "in und gegen unsere Gewohnheiten" nicht ausgespart und ausgesperrt bleiben. (Denn dass die Dinge dann zurückschlagen, weiß jeder, der sich mit dem höchst rätselhaften zweibärtigen ‚Berliner Schlüssel', der ein surreales Schlüsselloch und absurde Gesten verlangt, schon einmal ausgeschlossen oder - weniger prekär und hoch instruktiv - Bruno Latours Beschreibung dieses preußischen Gerätes gelesen hat.)

© 2001 by Birgit Griesecke

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14.05.2008
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