Journal Phänomenologie

 

 
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Journal Phänomenologie / Texte / Tagungsbericht aus Heft 16/2001
 
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Zukunft Phänomenologie

Ölmütz, 14.-19.11.2000

Silvia Stoller

100 Jahre Husserls Logische Untersuchungen waren der Anlass einer internationalen Phänomenologie-Tagung vom 14. bis 19. November 2000 an der tschechischen Universität Olmütz, nahe Husserls Geburtsort Prossnitz. Organisiert wurde die Tagung von der Philosophischen Fakultät der Palacky-Universität in Olmütz (Ivan Blecha), dem Zentrum für theoretische Studien in Prag (Ivan Chvatík, Hans Rainer Sepp), der Università degli Studi di Trieste (Renato Cristin), dem Muzeum Prostejovska (Václav Hruska) und der Österreichischen Gesellschaft für Phänomenologie (Helmuth Vetter).

Während 2000, auf der ganzen Welt verstreut, aufgrund des Publikationsjubiläums etliche Tagungen zu Husserl und den Logischen Untersuchungen abgehalten wurden, konnte diese Tagung schon durch ihre geografische Lage punkten. Die Veranstalter gaben sich auch alle Mühe, auf diesen aus phänomenologischer Sicht geschichtsträchtigen Ort hinzuweisen, der - mitten in Europa gelegen - dennoch vielen nur vom Hörensagen bzw. Lesen bekannt ist: Stadtführungen in den Städten Olmütz und Prossnitz, Empfänge bei Bürgermeistern und sogar die offizielle Enthüllung einer Edmund-Husserl-Gedenktafel am Rathaus in Prossnitz - eine nachträgliche Ehrung des Philosophen, die aus verschiedenen, vor allem politischen Gründen lange auf sich warten lassen musste. Wie Jan Sokol (Prag) während einer Eröffnungsveranstaltung in Abwandlung eines bekannten Ausspruchs von Gustav Mahler sagte, war dort Husserl ein dreifach Inexistenter: "für die tschechischen Nationalisten, weil er deutsch sprach, für die Nazis, weil er Jude war, und für die Kommunisten, weil er ein ‚idealistischer Philosoph‘ gewesen sein soll". Dieser geschichtliche und politische Hintergrund dürfte sogar SkeptikerInnen der Traditionspflege beim Angedenken an Husserl milde gestimmt haben. Das Wechselspiel von Vergangenheit und Zukunft, von Altem und Neuem, hat denn auch die Tagung durchgängig bestimmt, war diese doch dem Thema Zukunft Phänomenologie gewidmet.

Zukunft Phänomenologie"? Ein gefinkelter Titel, wenn man so will, denn er kann zweierlei bedeuten: die Phänomenologie als Zukunft und die Frage nach der Zukunft der Phänomenologie. Zweiteres dürften die Veranstalter im Sinn gehabt haben, wenn sie in ihrem offiziellen Einladungsschreiben betonen, dass nicht die Rückschau leitend sein soll, "sondern die Überlegung, welche Rolle heute - und morgen - der Phänomenologie zufallen könnte und welche Ziele sie sich selbst vorgeben sollte". Zu Recht mögen 100 Jahre Logische Untersuchungen Grund genug sein für eine solche Bestandsaufnahme. Bedeutet aber die Frage nach der Zukunft der Phänomenologie nicht, dass bereits etwas verloren gegangen ist? Was aber nur? Ist möglicherweise die praktizierende Phänomenologie schon längst zur praktizierten Geschichte der Phänomenologie geronnen? Kann der Vorwurf einer hartnäckig sich haltenden bloßen Phänomenologiephilologie wirklich entkräftet werden? Wer betreibt heutzutage eigentlich noch wirklich Phänomenologie? Und wie überhaupt über "die" Phänomenologie sprechen, wenn es sie in dieser Singularität gar nicht gibt? Wenn sich ihre Geschichte eher als eine Geschichte der Husserl-Häresien gibt, wie Paul Ricœur einst treffend sagte, und wenn sie sich auf verschiedene regionale Phänomenologien weltweit verteilt? Letzterem Aspekt sind die Veranstalter gezielt nachgekommen, indem sie Vortragende aus über 20 (!) Ländern der Welt nach Olmütz einluden und dadurch für ein recht buntes, internationales und im Grunde spannendes Bild sorgten.

Doch auch wenn der Kongress Raum für eine Vorausschau geben wollte, so haben nicht wenige Vortragende der Rückschau den Vorzug gegeben, indem sie Husserl- und Phänomenologie-Exegesen im Allgemeinen und Interpretationen der Logischen Untersuchungen im Besonderen vorlegten. Zunächst ein Überblick über die Husserl-nahen Beiträge: Dan Zahavi (Dänemark) setzte sich kritisch mit der Frage nach der "metaphysischen Neutralität" in den Logischen Untersuchungen auseinander. Kah Kyung Cho (USA) rückte die Logischen Untersuchungen in den Kontext der US-amerikanischen Husserl-Rezeption, indem die Korrespondenz zwischen Husserl und Marvin Farber sowie die Übersetzungsarbeit von J. N. Findlay Berücksichtigung fanden. Nuno Nabais (Portugal) beschäftigte sich mit bislang unveröffentlichten "Umarbeitungen" der Logischen Untersuchungen, um in Anschluss daran die These zu formulieren, dass diese als vorweggenommene Widerlegung einiger Einwände von Derrida und Tugendhat gelesen werden können. Viktor Moltchanov (Russland) vertrat die These, dass das philosophische Denken Husserls als "Unterscheidungsdenken" bezeichnet werden kann, dass aber das Unterscheiden selbst methodisch nicht zum Hauptthema wurde. Thema des Vortrags von Martin Cajthaml (Liechtenstein) war Husserls Kritik am Psychologismus. B. M. Mezeis (Ungarn) Vortrag stand im Zeichen der Phänomenologie als strenger Wissenschaft und des husserlschen Evidenzproblems. Renato Cristin (Italien) stellte einen Beitrag zur Reduktion bei Husserl zur Verfügung. Önay Sözer (Türkei) beschäftigte sich mit der phänomenologischen Selbstkonstitution. Andrzej Gniazdowski (Polen) fragte nach den Möglichkeiten einer transzendentalen Phänomenologie des Politischen im Ausgang von Husserl. Ion Copoeru (Rumänien) ging es um zwei verschiedene Ebenen der Phänomenologie: der Ebene der phänomenologischen Analyse und derjenigen des philosophischen Selbstverständnisses der Phänomenologie bzw. um den Unterschied von Phänomenologie und Philosophie bei Husserl selbst.

Auch regionale Phänomenologien bildeten an dieser Tagung einen besonderen Schwerpunkt: Vertreter der slowenischen Phänomenologie standen im Mittelpunkt des Vortrags von Dean Komel (Slowenien) über die Phänomenologie und die Kunst. Juris Rozenvalds (Lettland) stellte in einem ersten Teil anhand von Theodor Celms und Kurt Stavenhagen die phänomenologische Tradition Lettlands vor und widmete sich im zweiten dem Verhältnis zwischen "Staat", "Nation" und "Heimat". Ki-Sang Lee (Korea) stellte seine dichten Untersuchungen über die "Leere" und das "Heilige" beim koreanischen Denker Dasuk Ryu vor. Roberto J. Walton (Argentinien) hat im Zuge seiner Auseinandersetzung mit dem Begriff der "Spannung" auf die Bedeutung des spanischen Philosophen Xavier Zubiri aufmerksam gemacht. Liangkang Ni (China) hat die husserlsche Phänomenologie mit den Yogachara-Buddhismus verglichen und deren Nähe zueinander betont. Auch Jan Patocka konnte an dieser Tagung nicht fehlen und war durch einen Vortrag von Karel Novotny (Tschechien) vertreten, der sich Patockas Interpretation von Husserls Theorie der Erscheinung widmete.

Was immer die Gründe gewesen sein mögen: Nur ein geringer Teil der ReferentInnen setzte sich aktiv mit der Frage nach der Zukunft der Phänomenologie auseinander. Die Fragen: Was kann die Phänomenologie heute bieten, zu welchen zentralen Fragen gegenwärtiger philosophischer Probleme kann die Phänomenologie einen Beitrag leisten, an welche heutigen, nämlich auch gesellschaftsrelevante Debatten kann sie sinnvollerweise anknüpfen?, blieben weitgehend unberührt. Zu den wenigen Ausnahmen zählte Phil Buckley (Kanada), indem er Bezug nahm zum Problem einer globalisierten und von Technik beherrschten Welt und die Phänomenologie hinsichtlich der Frage nach dem Verhältnis von Identität und Differenz positiv ins Spiel brachte. Zum ganzen Themenkomplex "Kultur" passte auch der Vortrag von Ichiro Yamaguchi (Japan), der seine Überlegungen zur Phänomenologie des Du als einen Beitrag zur "interkulturellen Phänomenologie" verstand, und der Vortrag von Lester Embree (USA), der auf dem Hintergrund einer "cultural phenomenology" vor allem Schütz und die Frage nach der Konstitution von Kultur thematisierte. Der Zukunft der Phänomenologie war in gewisser Weise auch der Vortrag von Javier San Martín (Spanien) gewidmet. Er vertrat die These, dass die Phänomenologie des Anderen eine der jüngsten Entwicklungen der Phänomenologie ist und dass sie die Debatten im 21. Jahrhundert weiter bestimmen wird.

Weitere Vorträge: Yoshihiro Nittas (Japan) dichter Vortrag kreiste um das Thema Lebendigkeit und Gegensätzlichkeit. Im Versuch einer "hermeneutischen Aneignung der Phänomenologie Husserls" widmete sich Guy Van Kerkhoven (Belgien) konstruktiv und informativ dem Verhältnis von Husserl und Dilthey. Christopher Macann (Bordeaux) beschäftigte sich mit dem Verhältnis von transzendentaler und ontologischer Phänomenologie. Im Zentrum von Damir Barbaric’ (Kroatien) Vortrag stand Eugen Finks Kritik an der Präsenzmetaphysik und Dingontologie und die damit in Zusammenhang stehende Konzeption der "kosmologischen Differenz", die zwar nach dem Modell der ontologischen Differenz bei Heidegger gebaut, aber, wie Barbaric zeigte, in Abhebung zu Heideggers Seinsfrage entwickelt wurde. Mein eigener Vortrag schließlich wählte das Thema der sexuellen Differenz und versuchte zu zeigen, inwiefern Merleau-Pontys Phänomenologie entlang der Frage nach der Geschlechterdifferenz für die gegenwärtige feministische Theorie fruchtbar gemacht werden kann.

Meiner Meinung nach war der internationale Charakter, das Zusammentreffen so vieler verschiedener PhänomenologInnen aus der ganze Welt, einer der gewinnbringendsten Aspekte der ganzen Tagung. Auch wenn bekanntlich gerade Phänomenologen - in einer nicht selten anzutreffenden Selbstüberschätzung und Ehrfürchtigkeit gegenüber dem "Gründungsvater" - immer wieder gerne von einer weltweiten Bewegung (oder gar einer einzigen "großen Familie", wie es noch an der letzten Freiburger Phänomenologie-Tagung zu hören war!) sprechen, so hat gerade diese Tagung gezeigt, dass die Heterogenität durch keine künstliche Synthetisierung weggezaubert werden kann - zu unterschiedlich sind Themenstellungen und Herangehensweisen, ja auch die Meinung darüber, was Phänomenologie heute überhaupt sein kann!

Zukunft Phänomenologie? Bleibt abschließend zu sagen, dass die heutige akademische Phänomenologie meiner Meinung nach im Großen und Ganzen mehr Bereitwilligkeit zur Selbstkritik zeigen könnte: Wie weit reicht eine phänomenologische Perspektive, und was sind die Grenzen der Phänomenologie? Gleichzeitig würde es ihr nicht zum Nachteil geraten, wenn sie anstelle bloßer Textinterpretationen mehr Mut zu innovativen Fragestellungen entwickeln würde. Dem korrespondiert eine notwendige Öffnung hinsichtlich unterschiedlicher philosophischer Traditionen und Disziplinen. Vor allem aber müsste sie meiner Meinung nach die Auseinandersetzung mit den aktuell anstehenden philosophischen Fragen der Gegenwart suchen, will sie dem real existierenden Vorwurf des Antiquierten in Zukunft etwas entgegensetzen - was nicht heißt, dass sich die Öffnung zu neuen Themen sowie die Aufmerksamkeit auf brisante Fragestellungen der Gegenwartsphilosophie und notwendige wissenschaftliche Textexegese gegenseitig ausschließen müssen. Diesbezüglich ist Hans Rainer Sepp gewiss zuzustimmen, der sich in einem einleitenden kurzen Statement zur Tagung explizit dieses Problems annimmt und meint, dass "Textphilologie oder Sachforschung" keine befriedigende Alternative ist. Weder nur Textphilologie noch nur Sachforschung kann im Interesse der phänomenologischen Zukunft liegen. Beides ist notwendig. In jedem Fall muss jedoch eines gewahrt bleiben: "Das den Austausch suchende Gespräch mag insbesondere dort auf einen fruchtbaren Boden treffen, wo sich möglichst Vielfältiges zu Wort meldet. Im gelingenden Umgang mit dieser Vielfalt liegt und entscheidet sich die Zukunft der Phänomenologie." Ich denke, dass diese Tagung ein Beispiel für jenen gelingenden Umgang der Vielfalt war, ich denke aber auch, dass die Frage nach der Zukunft der Phänomenologie auch zukünftig noch gestellt werden muss.

Das war also alles", wie Ivan Blecha mit seinem sympathischen tschechischen Tonfall an der Tagung nicht selten zu sagen pflegte. Nein! Noch etwas: Wer in das schöne Olmütz reisen sollte, der möge bei Möglichkeit ein Orgelkonzert in der St.-Mauritius-Kirche besuchen und in aller Gemütlichkeit etwas im Café Mahler am Hauptplatz verweilen ...

© 2001 by Silvia Stoller

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down ISSN 1027-5657 JPh Logo
14.05.2008
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