Journal Phänomenologie

 

 
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Journal Phänomenologie / Texte / Zitrone aus Heft 16/2001
 
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Richard SCHENK (Hg.): Kontinuität der Person. Zum Versprechen und Vertrauen. Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog 1998 [Collegium Philosophicum, Bd. 2]. 286 S., ISBN 3-7728-1715-7.

Der Titel des Sammelbandes macht neugierig. Sollte die philosophische Theorie personaler Identität die Phänomene Versprechen und Vertrauen als ihre eigenste Herausforderung erkannt haben? Robert Spaemann verheißt in seiner Einleitung gar noch mehr: Diejenige wirkungsmächtige Tradition gelte es hier zu überwinden, die mit ihrer dualistischen Phänomenbeschreibung des Lebens aktuellen Reduktionismen den Weg bereitet habe. Personen nämlich "tragen Verantwortung für das, was sie irgendwann getan haben, und sie können die Verantwortung für das übernehmen, was sie in Zukunft tun werden: sie können versprechen" (S. 3 f.). Damit lassen sie sich weder als weltloses, sich auf sich selbst beziehendes Cogito noch als objektiver gegenwartsloser Prozess zutreffend beschreiben. Personen, so Spaemann, gehören zu dieser Welt. Das Versprechen exemplifiziert dies beispielhaft, insofern hier eine für alle personale Identität konstitutive "frei gewählte Identifikation mit einem gewissen Bestand an kontinuierlichen Bestimmungen, durch die wir auch für die anderen als dieselben identifizierbar sind" (S. 5), zutage treten. Die selbstgestiftete Kontinuität also öffnet das Subjekt nicht nur hin auf eine Welt, sondern bedeutet auch einen Bezug zum Anderen. Sie wird "durch den Anspruch gestiftet", den ich im Versprechen "anderen einräume" (S. 6).

Leider steht dieser auf vier Seiten skizzierte Problemaufriss thematisch fast allein. Von den insgesamt neun, den verschiedensten Disziplinen entstammenden Beiträgen gelingt nur den wenigsten die angekündigte Bewährung der Identitätsfrage an den Phänomenen Versprechen und Vertrauen. Fast gewinnt man den Eindruck, als sei hier im akademischen Tagungsbetrieb die Schublade Hauptlieferant der Manuskripte gewesen. Man ist erstaunt und auch enttäuscht, dass ein renommiertes Verlagshaus wie frommann-holzboog solches passieren lässt. Immerhin hat der Herausgeber kurze Zusammenfassungen der Diskussionen mit abgedruckt. Für diese (wie für die Einleitung) mag sich der Blick in den Band lohnen - und sei es nur, um das eigene Unbehagen artikuliert zu finden. Warum, so fragt man sich, konnten so profilierte Philosophen wie Spaemann oder Theunissen (dessen Diskussionsbeiträge insbesondere, anders als manch abgedruckte Vorträge, stets luzide und pointiert formuliert sind) nicht für eigene Beiträge zum Thema gewonnen werden?

Der Band gliedert sich in drei jeweils wieder aus drei Aufsätzen bestehende Abteilungen, die sich von den Einzelwissenschaften (Ökonomie, Rechtswissenschaft, Medizin) über "philosophische Grenzgebiete" (Psychologie, Theologie) zu den ‚eigentlichen' philosophischen Zugängen vorarbeiten. Den Anfang macht Peter Koslowski, der das Thema Transzendenz durch Ökonomie, Ethik und Religion verfolgt. Genauso wie jeder Vertragsschluss ein minimales Vertrauen erfordere, das die schlichte Gegenseitigkeit des Vertrags übersteige (kleine Transzendenz), genauso gründe sich auch die moralische Regelbefolgung auf einen Glauben "an den transzendenten Ausgleich von Sittlichkeit und Glückseligkeit für die unsterbliche Seele" (mittlere Transzendenz; S. 17). Schließlich verdanken sich die beschriebenen Möglichkeiten des Überstiegs der Religion als dem Vereinigungsprinzip einer Gesellschaft (große Transzendenz). Ohne die Religion würde die Gesellschaft "zu einem Panzer, in dem der Mensch ohne Reserve eingeschlossen ist" (S. 19). Koslowski begegnet den "Schwarzfahrern" der "modernen Verkehrsgesellschaft" (S. 14) demnach mit dem Verweis auf die ökonomische Blindheit ihres Verhaltens. Eine merkwürdige, um nicht zu sagen, abstruse Verrechnung von Religion und Ökonomie.

Anders als Koslowski widmet sich der Folgebeitrag Norbert Horns tatsächlich dem Titelthema. Aus zivilrechtlicher Perspektive erörtert der Autor den Status von Versprechen und Vertrauen und die mit ihnen verbundenen rechtsethischen Implikationen: Vertragsschlüsse gründen sich auf der Verbindlichkeit des vertraglichen Versprechens und vertrauen darüber hinaus auf ein bestimmtes Verhalten der Vertragspartner, ihre Bereitschaft, das Vertragsversprechen zu halten. Damit aber kommt die "Frage nach dem Menschenbild des Zivilrechts und nach den philosophischen und sozialtheoretischen Grundlagen dieses Menschenbildes" (S. 60) in den Blick. Diese verdanken sich indes, so Horn, keiner bestimmten Philosophie, sondern gehören gewissermaßen zu den "rechtsethischen Konstanten" "im Zivilrecht der kontinentaleuropäischen Länder" (S. 67) seit der Rezeption des römischen Rechts.

Fritz Hartmanns medizinischer Beitrag zur Bedeutung der Ich-Identität im Krank-sein setzt bei der These einer Veränderung des Kranken durch die Krankheit an. Diese These wird an Patientenäußerungen (wie "Ich kenne mich nicht wieder", S. 76) veranschaulicht. Wie sie freilich an identitätstheoretische und anthropologische Ansätze anschließt, blieb den Rezensenten dunkel. Es schwirrt nur so von Namen (Lersch, Plessner, Marcel, Merleau-Ponty, Schmitz u. a.) und Formeln. Offensichtlich ist dem Autor daran gelegen, zwischen Identität (als "Begriff der Bewegung, der Gefährdung und Bewährung", S. 78), Selbst (als "Gesamtheit von Beziehungen ..., die einem gefühlten und/oder über sich nachdenkenden oder gedachten Ich zugehören", ebd.) und Ich (als "raumloser Schnittpunkt" dieser Beziehungen, ebd.) zu unterscheiden. So viel bleibt aber als - vielleicht nicht ganz originelle - Einsicht, die der Autor in einer kuriosen, von dem französischen Chirurgen René Leriche geprägten Formel festhält: "Gesundheit ist das Leben im Schweigen der Organe" ... Und das Versprechen?

Ins Gebiet der philosophischen Psychologie führt der Beitrag von Hinderk M. Emrich. Wie entgehen wir, so fragt er sich, den "Bedrohungen der Identitäts-Diffusion" im "postmodernen ‚Hexenkessel'" (S. 102, 119)? Die Frage nach Versprechen und Identität wird ihm vor diesem Hintergrund "besonders drängend" (S. 103). Sie wird verhandelt mit Anleihen bei verschiedensten Autoren (von Botho Strauß über Scheler und Buber bis zu Levinas, um nur einige Namen zu nennen ...), deren systematischer Zusammenhang einigermaßen unklar bleibt, so wirr wie ein an einer Stelle des Aufsatzes zur Konstitution des "Zwischen" begegnendes Resümee: "Interpersonalverhältnisse sind frei miteinander wechselwirkende Bewußtseinsakte und zwar im schöpferisch thetischen Sinne kreativ" (S. 112).

Unter dem Titel "Kontinuität, Eigenzeit und Resonanz: Zur physischen und personalen Wechselwirkung" gibt Friedrich Cramer, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für experimentelle Medizin in Göttingen, Einblicke in seine Gedankenwelt. Ausgebreitet wird die eigene Zeittheorie des Verfassers, die sich mit einer so genannten "Resonanztheorie" verbindet. In diesem Zusammenhang werden wir an die Funktionsweise des Zitronensäurezyklus erinnert, auch an die "Resonanz zyklischer Eigenzeiten" bei Hunden, Amseln und Fledermäusen; sogar "die Kolibakterien in unserem Darm" werden bedacht, "die uns bei der geregelten Verdauung helfen" (S. 136). Auch die Interaktion zwischen Menschen haben wir uns nach Cramer als "Resonanzphänomen" vorzustellen, was schließlich am Beispiel der Liebe illustriert wird. Der an Ganzheit orientierte Theoretiker lässt dabei nichts aus: Dem Orgasmus folgt der Handel, dann, mit Hölderlin, der Sprung "ins Offene", endlich das Hohe Lied der Liebe des Apostels Paulus "als der vielleicht wesentlichste Beitrag abendländischen Denkens (und Fühlens) zur Kulturgeschichte der Menschheit". Sei die Liebe eben "doch die stärkste Kraft im Reich des Lebendigen", "gewissermaßen die Fortsetzung der kosmischen Urknallbewegung und -entfaltung" (S. 139).

Nicht von der Liebe, sondern "von der Hoffnung, Person zu sein" handelt der Beitrag des Herausgebers Richard Schenk, der im bunten Reigen der in diesem Bande versammelten Einzelwissenschaften den Part der Theologie übernommen hat. Schenk fragt unter Berufung auf Ernst-Wolfgang Böckenförde nach den "Voraussetzungen" der Überzeugung von der unantastbaren Würde der menschlichen Person und danach, was solche "Voraussetzungen" mit Versprechen und Vertrauen zu tun haben. Im Rahmen seiner theologischen Reflexionen interessiert genauerhin, "inwiefern ... die angefochtene Überzeugung menschlicher Würde von der Fähigkeit ab[hängt], einer religiös bezeugten Verheißung Vertrauen schenken zu können" (S. 150). Untersucht werden "Präfigurationen der Frage" in der scholastischen und - weniger eingehend, auch weniger überzeugend - in der reformatorischen Theologie (vgl. dazu die kritischen Einwürfe Theunissens in der Diskussion [S. 180]), um im Anschluss daran "Refigurationen der Frage" bei K. Barth, K. Rahner und H. U. von Balthasar zu erkunden. Die eigene Option skizziert der Autor freilich nur auf der letzten Seite seines Beitrags: "Gläubige Narrativen göttlicher Verheißung", heißt es, böten auch "den Mitbürgern des freiheitlichen Rechtsstaates die bessere Chance ..., die eigene Hoffnung, Personen zu sein, glaubhaft offenzuhalten" (S. 177).

In der abschließenden, den philosophischen Zugängen gewidmeten Abteilung findet der Leser Bekanntes. Weder Klaus Kodalles Überlegungen zum Verzeihen als einer "Kategorie des politischen Ethos" noch Jean Greischs Vorstellung von Ricœurs "Hermeneutik des Versprechens" sind als Beiträge zur dokumentierten Tagung entstanden. Dennoch liegen hier die wohl interessantesten Texte des Bandes vor.

Klaus Kodalles (stark gekürzte) Jenaer Antrittsvorlesung (Erlangen/Jena 1994) spürt Momente des Verzeihens und der Gnade in Rechtspraxis und Politik auf und fragt nach Gefahren und Chancen solcher das Recht transzendierender Praktiken. Verzeihung signalisiere Aussöhnungsbereitschaft, wo noch der Hass regiert. "Das kann Kopf und Kragen kosten. Verzeihung ist insofern höchst riskant ..." (S. 195). Um diesem Risiko zu begegnen, plädiert Kodalle für ein Verzeihen, das zwar den Schuldigen von seiner Tat trennt, das entstandene Unrecht aber dennoch erinnert. Allein so könne die Gefahr pathologischer Verdrängung gebannt werden. Der Aufsatz ist - vor allem in seiner wesentlich ausführlicheren Originalversion mit dem Titel Verzeihung in Wendezeiten - nicht nur lesenswert. Er dokumentiert wie selten eine vielversprechende Verbindung von Politik und Philosophie. Und dennoch: Bestenfalls das Thema Vertrauen wird angeschnitten. Von Versprechen ist nur am Rande (S. 191), von personaler Identität gar nicht die Rede.

Immerhin kommt letztere - wenn auch mit sehr traditionellem Ausgangspunkt - im Beitrag Ulrich Steinvorths zum Zuge. Dieser verzeichnet für die Theorie Lockes ein sehr spezifisches Manko: Sie könne nämlich nicht erklären, wie der Übergang von bloßer Reflexivität (d. h. Bewusstheit der Wahrnehmung) zu Selbstreferentialität (d. h. "Bezugnahmme auf ein Selbst, das als Selbes in den verschiedenen mentalen Akten und Zuständen verharrt"; S. 217) sich vollzieht. Dieses epistemische ziehe freilich ein praktisches Problem nach sich. Gehe doch mit der Selbstreferentialität die menschliche Fähigkeit einher, "nein" zu sagen und sich somit verantwortlich zu zeigen für das, was zukünftig dem Selbst zuzuschreiben sein wird. An dieser Stelle wird Wittgenstein ergänzend bemüht, dessen Personbegriff eine soziale Genese von Verantwortung einschließe. Zwar werde hier nicht hinreichend zwischen Handeln und Gewohnheit und aus Gründen unterschieden, dennoch sei das wittgensteinsche Modell zur notwendigen Korrektur des lockeschen Ansatzes geeignet: dessen Bereicherung nämlich um eine soziale Dimension. Wenn auch von diesen letzten Überlegungen her Versprechen und Vertrauen thematisch nicht ganz so weit entfernt scheinen, wird ihnen doch keine eigene Aufmerksamkeit zuteil.

Einzig der abschließende Beitrag Jean Greischs trifft das in der Einführung umrissene Thema. Greisch präsentiert hier Ricœurs "Versuch einer Überwindung der Subjektphilosophie" in Das Selbst als ein Anderer am Leitfaden des Versprechens. Leider gerät das Ganze eher zu einer sich am Text entlanghangelnden Vorstellung des gesamten Buches, in dem überdies nur an einzelnen Stellen und mitunter indirekt vom Versprechen die Rede ist. Dem mit Ricœur Unvertrauten mag hier angesichts so unterschiedlicher Themen wie Narrative Identität, Handlungstheorie, Ontologie und Ethik schwindeln. Ricœurs Versuch freilich - und dem interessierten Leser sei die Lektüre des Originals anempfohlen - buchstabiert aus, was Spaemann eingangs skizziert hatte: Menschliche Identität lässt sich besonders gut am Phänomen des Versprechens illustrieren, da es bei ihm immer schon um mehr und anderes geht als um ein Beharren im Selben. Im Versprechen zeigt sich eine Selbstheit, die sich gegen die Zeit auflehnt: angesichts des Anderen, dem gegenüber es Wort zu halten gilt. Schade, dass es ausgerechnet zu diesem Beitrag offensichtlich keine Diskussion gegeben hat. Die Chance einer sachlichen Pointierung hat der Band so vollends verspielt. Zu viel versprochen!

© 2001 by Andreas Großmann / Birgit Schaaff, Hamburg

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down ISSN 1027-5657 JPh Logo
14.05.2008
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