Journal Phänomenologie

 

 
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Journal Phänomenologie / Texte / Schwerpunktbeitrag Heft 15/2001
 
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Computernamen im Internet. Techno-phänomenologische Aspekte

Herbert Hrachovec (Wien)

Ende Februar 2001 aktualisierte der Administrator eines Linux-Systems am Philosophischen Institut der Universität Wien die Software seines Pentium-PCs. Tags darauf kamen die ersten Klagen. Die Homepage des "Journals für Phänomenologie" - http://www.journal-phaenomenologie.ac.at - konnte nicht mehr aufgerufen werden. Anstelle dieser Adresse zeigte der Browser die Startseite einer Maschine namens "h2hobel.phl.univie.ac.at" mit einer Anzahl von Hypertext-Verweisen, darunter einem zum "Journal Phänomenologie". Wer diesem Querverweis folgen wollte, landete bloß am Beginn der betreffenden Seite. Ein technisches Problem? Sicherlich, aber auch eine Herausforderung zur philosophischen Intervention. Die Diskussion dieses Beispielfalles wird nicht in phänomenologischem Fachjargon gehalten sein. Im Gegensatz zu einer Anzahl sprachanalytischer oder cybertheoretischer Ansätze ist sie allerdings einer Zugangsweise verpflichtet, die Orientierung am Phänomen genannt werden kann. Das heißt im angesprochenen Kontext: die (partielle) Nachzeichnung der regionalen Ontologie der digitalen Welt, die sich aus Konstitutionsleistungen intentional gerichteter Individuen aufbaut. Das Missgeschick mit der Internetadresse betrifft die Funktion technisch implementierter Namen. Die phänomenologische Färbung der folgenden Überlegungen liegt darin, dass sie die Irritation der herkömmlichen gegenstandsorientierten Einstellungen und keine fertigen Theorien des Gegenstandsbezugs oder des virtuellen Raums zum Ausgang nehmen.

URL ist die Abkürzung von "Uniform Resource Locator", einer Zeichenkette, die es erlaubt, die im Rahmen des "Hypertext Transfer Protocols" (HTTP) zur Verfügung gestellte Information eindeutig zu designieren und anzusprechen. Auf den ersten Blick unterscheidet sich das nicht vom System der ISBN- oder Telefonnummern. Die Identifizierung von Punkten eines numerischen Raums liegt außerhalb des Bereichs traditioneller Benennung. Die MAC-Adresse von Netzkarten, durch die jeder am Internet funktionsfähige Computer auf der Hardwareebene eindeutig fixiert wird, ist so etwas wie ein Fingerabdruck oder der genetische Kode einer Einzelperson. Sie gibt dem Träger einen unverwechselbaren Platz im jeweiligen Bezugssystem, bietet aber - für sich genommen - keine Semantik. In dieser Hinsicht sind "Adressen" ebenso bedeutungslos wie die Seriennummern von Gaszählern, die über Fernabfrage abgelesen werden können. Dieser Befund steht in krassem Gegensatz zum Anschein, den ein Ausdruck wie "http://www.journal-phaenomenologie.ac.at" erweckt. Das ist kein Identifikationskode, sondern eine Art Türschild im WWW. Es handelt sich um einen Namen für das Angebot des Journals im Web, so wie "Harrods" der Name eines Kaufhauses und "Peugeot" jener einer Autofirma ist. Das Festhalten an dieser Intuition wirft natürlich eine Frage auf: Was ist das Verhältnis zwischen MAC-Adressen im Sinne von Seriennummern und dem Auftreten von URLs als Namen?

Die Antwort steht nicht intuitiv bereit. Sie erfordert eine Verständigung über die Komponenten, aus denen sich das Phänomen zusammensetzt, das pauschal als digitaler Orientierungs- und Handlungsraum bezeichnet werden kann. Versuchsweise lassen sich folgende Schichten beschreiben:

  • das umgangssprachliche Vorverständnis wird informatisch modelliert
  • die Modellierung bedient sich ihrerseits eines (technisch spezifizierten) Weltverständnisses
  • die Modellierung bietet darüber hinaus eine Grundlage zur theoretischen Reflexion des Phänomens
  • und schließlich erreicht man die digitale Welt durch die Aneignung - nur in Ausnahmefällen expliziter - Kompetenz im Umgang mit den zuvor angeführten Bestimmungsstücken.

Die Annäherung an die Wirkungsweise von Namen im "Cyberspace" muss diese Etappen durchlaufen. Nur die ersten beiden können hier kommentiert werden.

Seitens lebensweltlich orientierter Philosophinnen (m/w) besteht ein schwerwiegender Einwand gegen den Duktus der bisher vorgetragenen Überlegung. Sie erweckt den Anschein, als gäbe es "zunächst einmal" bewusstseinslose, Hardware-nahe Spezifikationen, die "dann" semantisch überformbar wären. Das widerspricht dem unvoreingenommenen Umgang mit Internetadressen und trifft nicht einmal für den technischen Gebrauch zu. Die tatsächlichen Prioritäten liegen gerade umgekehrt. Eindeutig greifbare MAC-Adressen auf elektronischen Bauteilen sind ja kein Selbstzweck. Sie werden nur im Kontext der angestrebten Zugänglichkeit von Computern im Internet verständlich. Ohne die Absicht, Maschinen in diesem vernetzten Zusammenhang zu benennen, gäbe es die betreffenden Digitalkodes nicht. Der Einwand ist ernst zu nehmen. Elektronikteile können die Namenskonventionen im Netz nicht begründen. Sie bieten keinen Anhalt "hinter" der allseits bekannten Praxis der Benennung. Das Thema "Uniform Resource Locator" ergibt sich in einer informationstheoretischen Spezifikation, welche eine solche Praxis modelliert. Diese Betrachtungsweise lässt sich durch die Erklärung des Fehlzugriffs auf http://www.journal-phaenomenologie.ac.at exemplifizieren.

Diesseits der semantischen Agenda kann eine technische Verknüpfung bestimmte Effekte auslösen: Lichtschalter, Magnetkarte, Alarmsignal. Die Absicht der Ingenieure in der Konstruktion des Internets bestand nicht darin, derartige Koppelungen zu fixieren. Sie entwarfen einen Mechanismus der Bezeichnung für einzelne am Netz verfügbare Rechner. Die Formulierung spiegelt die interne Spannung der informationstheoretischen Modellierung wider. Einerseits handelt es sich um Bezeichnungen, das Ergebnis muss sich zum symbolischen Gebrauch eignen. Andererseits um einen Mechanismus; er bildet den Anteil des maschinellen Substrats. Die Lösung sieht folgendermaßen aus: Ziffern, so genannte IP-Adressen, werden der international eindeutigen Hardwarekennung zugeordnet, die jede einzelne Netzkarte trägt. Man schreibt einen numerischen Ausdruck, und das Übertragungsprotokoll sorgt dafür, dass die faktische Destination gefunden wird. Diesen Ablauf kann man sich gut am Ausnahmefall klar machen, in dem die Netzkarte eines im Internet konfigurierten Computers ausgetauscht wird. Für kurze Zeit passen Namen und Hardware nicht zusammen; die Übertragung ist gestört, bis der betreffende Rechner die neue Assoziation zwischen IP- und MAC-Adresse bekannt gemacht hat. Das war allerdings im Fall des Journal Phänomenologie nicht das Problem.

Die Sache betraf einen Aspekt, der den Namenscharakter der technischen Modellierung deutlich unterstreicht. Zahlenfolgen eignen sich schlecht zur Ortsangabe, darum entwickelte sich bald eine alphanumerische Nomenklatur und eine Adresszuordnung zweiter Stufe. Das so genannte Domain Name System (DNS) legt eine Abbildung der gängigen, aus Worten und Kürzeln zusammengesetzten Referenzen im Netz auf IP-Adressen fest. Das gibt z. B. ein Junktim zwischen "h2hobel.phl.univie.ac.at" und "131.130.49.234". Damit sind wir der Fehlerquelle des Anfangsbeispiels schon recht nahe gekommen. Der Aufruf des Journals führte zur Maschine, auf der die Information tatsächlich liegt, ohne sie allerdings anzuzeigen. Dazu hätte eine dritte Zuordnung nach Art der Benennung funktionieren müssen. Der Datentransfer im WWW wird von "Webservern" bewerkstelligt, die sich des eben beschriebenen Adresssystems bedienen. Dieses System gestattet es darüber hinaus zusätzlich, IP-Adressen mit mehreren Namen zu belegen. "Virtuelle Webserver" erkennen solche Alias-Formen und leiten Anfragen auf ein spezifizierbares Verzeichnis des betreffenden Rechners um. Das Upgrade des Linux-Systems hatte die Konfiguration des virtuellen Servers durcheinander gebracht, der dafür sorgt, dass der Ausdruck "http://www.journal-phaenomenologie.ac.at" der (über DNS) auf die IP-Adresse 131.130.49.234 verwiesen wird, am Zielort jenen Ordner findet, welchen Leif Pullich mit den entsprechenden Dokumenten versieht. Es wäre reizvoll, auf die technischen und philosophischen Details dieses Vorgangs einzugehen. Hier geht es bloß um die Grobskizze dieses Problemtyps.

Manchmal fallen Netzkarten aus, diese Betriebsunterbrechung unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von der Fehlfunktion eines virtuellen Servers. Im zweiten Fall bedient sich der Administrator notgedrungen der angedeuteten, aus dem Alltag abgeleiteten Verstehenshilfen. Insofern behält die Insistenz auf lebensweltliche Weltzugänge Recht. Das ist allerdings nicht das Ende der Debatte. Zur Erläuterung der Umstände mussten Fachausdrücke wie MAC-Adresse, DNS und virtueller Server herangezogen werden. Ihre Funktionen sind in der Bezeichnungspraxis eingebettet - und wirken auf sie zurück. Für Laien ist das Verhältnis von "http://www.journal-phaenomenologie.ac.at" zu 00:4F:49:08:6A:BD (der gegenwärtigen MAC-Adresse des angegebenen Computers) nicht durchsichtig und sicherlich kein Name. Mit etwas Übung verschiebt sich dieses Bild. Dann scheint es durchaus plausibel, den Rechner für die Zwecke des Datenaustausches am Internet mit dieser Komponente zu identifizieren und einen URL als einen seiner Namen aufzufassen. Nicht anders stellt sich das Verhältnis zwischen "Berggasse 19" und der Ordination Sigmund Freuds dar. Die Rückwirkungen der Spezialisierung auf den vorgängigen Sprachgebrauch sind schwerlich zu bestreiten - und philosophisch nicht so unerheblich, wie es vielleicht scheint. Sie durchkreuzen die Argumentation, der gemäß dem alltäglichen Gebrauch unweigerlich ein Vorrang vor der technischen Modellierung zukommt.

"Alltäglicher Gebrauch" ist eine inhaltslose Formel, die ihren Gehalt aus dem Kontrast zum Fachdiskurs erhält. In einem ersten Schritt ist zuzugeben, dass solche Fachdiskurse sich eingespielter Fähigkeiten und Abläufe bedienen müssen. Bei näherem Zusehen stellt sich allerdings heraus, dass diese reglementierten Sprechweisen durchaus nicht - wie es traditionelle philosophische Ansätze gerne hätten - bloß Modelle des anderweitig in sich ruhenden Ausgangsverhaltens entwickeln. Technisches Sprechen orientiert sich an der Umgangssprache und fließt in die Umgangssprache ein. Davor schützt der Damm nicht, der durch den Hinweis auf die Modellierung aufgebaut wird. Wer der Ingenieurin vorhält, sie könne sich auf ihrem Fachgebiet nur bewegen, weil sie die Sprache ihrer Mitwelt teilt, kann keine Barriere dagegen aufbauen, dass die Sprachpraxis der Ingenieure umgekehrt ein Zug im "alltäglichen Gebrauch" wird. Im Elektrofachgeschäft informiert Sie die Verkäuferin über die Saugleistung des angebotenen Staubsaugers. Es scheint unsachgemäß, das nicht als einen ganz gewöhnlichen Sprachablauf zu betrachten. Angenommen eine Diskussion, in der ein Teilnehmer zur Klärung eines strittigen Punktes das Beispiel von Internetadressen vorbringt. Es kann leicht vorkommen, dass er sich den Vorwurf technizistischer Denkweise zuzieht. Das ist ein Missbrauch der Einsicht, dass Spezialisten ihre eigenen Gesetze aufstellen. Der Vorwurf übersieht, dass menschliche Praxis von Anfang an mit technischen Momenten durchsetzt ist. Statt von urtümlichen und nachgebildeten Namen sollte man von gewohnten Ausdrücken und Spezialkonstruktionen sprechen, die letztlich nicht anders funktionieren als die weniger verbreiteten Verständigungsmittel.

Die Verschleifung zwischen Alltäglichkeit und Fachzuständigkeit, die sich als Konsequenz dieser Überlegungen ergibt, widerspricht gängigen Mustern phänomenologisch inspirierter Technikkritik. Sie ist aber auch nicht nach dem Geschmack analytischer Vorgangsweisen. Der Schraubenzieher, mit dessen Hilfe die Netzkarte befestigt wird, ist seinerseits ein technisches Gerät - insofern geht die Emphase des "besorgenden Umgangs" ins Leere. Doch diese Beobachtung des Verschleifens ist ihrerseits ein ziemlich blasses Resultat. In unserem Fall sagt es wenig über die Besonderheit des Namensgebrauchs. Es zielt im Kern darauf hin, dass konventionell (noch) nicht abgedeckte terminologische Praktiken unter Umständen Allgemeingut werden. Man würde gerne genauer wissen, was Namen von anderen Sprachausdrücken unterscheidet und welche Kriterien dafür gelten, dass ein unvertrauter Sprechakt überhaupt eine Benennung sei. Das Beispiel der Webadresse lebt ersichtlich davon, dass die bezeichnende Funktion von Zahlen und Buchstaben schon verstanden wird.

An dieser Stelle wäre der Übergang zum dritten eingangs genannten Problemkomplex nötig. Es müsste deutlich werden, nach welcher Logik sich diverse, alltägliche sowie technische, sprachliche Tätigkeiten semantisch charakterisieren lassen. Das ist ein heikler Punkt zwischen Phänomenologie und analytischer Philosophie. Abschließend eine kontroverse Stellungnahme.

Phänomenologie, die ihr Fundament in lebensweltlichen Abläufen sucht, ist schlecht dazu gerüstet, auf technische Herausforderungen zu reagieren. Sie neigt dazu, den unbestreitbaren Vorsprung des Allgemeinverständnisses vor fachspezifischer Reglementierung als unhintergehbare Priorität des von ihr reklamierten Untersuchungsgebietes zu statuieren. Doch dieses allgemeine Verständnis ist ausschließlich über rekonstruktive Artikulationen zugänglich. Zwar muss, um deren Schlüssigkeit zu gewährleisten, wiederum auf Alltagskompetenz rekurriert werden. Aber diese Rückkoppelung läuft leer, wenn sie nicht in der Lage ist, den technischen Gehalt der Spezifizierung in der anfänglichen Kompetenz angelegt zu finden. In krasser Abkürzung angedeutet: Heidegger hat verstanden, dass er eine Erzählung entwickeln muss, welche die Diskrepanz zwischen dem unvoreingenommenen Weltzugang und allen Hilfskonstruktionen zur Einrichtung des menschlichen Lebens überbrücken kann. Seine Lösung heißt Seinsentzug und Seinsvergessenheit. Dagegen setzt analytische Philosophie darauf, die Funktionsweise der Hilfskonstruktionen zu untersuchen, die einen graduellen Zugang zu jenen "Seinsweisen" ermöglichen, welche sie unweigerlich mit konstituieren.

Dabei ergibt sich, dass die philosophische Tätigkeit an Künstlichkeiten anknüpft, statt auf ursprüngliche Intuitionen zurückgreifen zu wollen. Die so entstandenen Konstrukte sind in phänomenologischem Verständnis nicht fundiert und müssen sich der Frage stellen, wozu sie taugen. Legitimierbar sind sie, insofern überschaubare Modellierungen menschliche Verhaltensweisen auf dem Planeten erhellen. Sie reduzieren beispielsweise die Desorientierung im Umgang mit Adressen im Internet.

© 2001 Herbert Hrachovec

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