Journal Phänomenologie

 

 
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Journal Phänomenologie / Texte / Schwerpunktbeitrag Heft 15/2001
 
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Fenster, Fernseher, Windows

Lambert Wiesing (Jena)

Kaum eine Metapher hat das Denken über Bilder so geprägt wie Leon Battista Albertis berühmter Vergleich des Bildes mit einem geöffneten Fenster. Wenige Sätze genügten, um ein gleichermaßen verständliches wie auch überzeugendes Bild vom Bild zu entwerfen: "Vorerst beschreibe ich auf die Bildfläche ein rechtwinkeliges Viereck von beliebiger Größe, welches ich mir wie ein geöffnetes Fenster vorstelle, wodurch ich das erblicke, was hier gemalt werden soll." [ 1 ] Bei allen Bedenken, die gegen diesen Vergleich laut geworden sind, kann man Alberti in einem zentralen Punkt nur zustimmen: Das materielle Bild an einer Wand gleicht einem Fenster, weil ein Betrachter in beiden Fällen durch ein Medium hindurchschaut, ohne dieses Medium selbst zu thematisieren. Sowohl der Blick auf das Bild als auch der Blick durch das Fenster richtet die Aufmerksamkeit des Sehenden auf Dinge und Ereignisse, die sich nicht in demselben Raum befinden. Mittels des Fensters schaut man gewöhnlicherweise aus einem Haus hinaus nach draußen; mittels eines Bildes sieht man ein Bildobjekt in einem imaginären Raum. Bilder und Fenster ermöglichen Blicke auf etwas anderes als sich selbst.

Es ist diese mediale Selbstverleugnung, die insbesondere in phänomenologischen Bildtheorien unter dem Titel "Transparenz des Bildes" thematisiert und genauer beschrieben wird. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass zum Beispiel Jean-Paul Sartre in seiner Kunstphilosophie explizit mit Albertis Metapher arbeitet: "Wenn der Maler", so schreibt er in Was ist Literatur?, "uns ein Feld oder eine Blumenvase darbietet, so sind seine Gemälde offene Fenster auf die ganze Welt."[ 2 ] Aber auch bei Husserl gibt es Beschreibungen, die dem Sinn von Albertis Metapher entsprechen: "Bei einem vollkommenen Porträt, das die Person nach allen Momenten (die irgend Merkmale sein können) vollkommen darstellt, ja schon bei einem Porträt, das dies in sehr ungenügender Weise tut, ist uns so zumute, als wäre die Person selbst da."[ 3 ]

Doch genau mit dieser These hat man auch das Problem erreicht, welches mit der Metapher vom offenen Fenster verbunden ist: Es ist schlicht und ergreifend nicht so, wie es mit dieser Metapher behauptet wird, dass zum Beispiel dem Betrachter eines Porträts so zumute ist, "als wäre die Person selbst da". Es besteht eine offensichtliche Differenz in der Gegebenheitsweise: Wenn man eine Person durch ein Fenster sieht, so ist dieser Blick immer mit dem Bewusstsein der realen Anwesenheit des Gesehenen verbunden. Aus einem Fenster sieht man in eine existente Welt, doch dies ist keineswegs bei einem Blick auf ein Bild der Fall. Husserl beschreibt diesen Unterschied in der Gegebenheitsweise des Gesehenen ausgesprochen präzise mit dem Begriff des Widerstreites, welcher in der Lage ist, die Grenze von Albertis Metapher vom offenen Fenster zu bestimmen. Der Vergleich mit dem Fenster wird der widerstreitenden Gegebenheitsweise eines Bildobjektes nicht gerecht. Ein im Bild dargestelltes Ding "erscheint", so schreibt Husserl, "in der Art wie ein wirkliches physisches Ding, aber es erscheint mit Widerstreit gegen die aktuelle, in widerstreitloser Wahrnehmung sich herstellende Gegenwart."[ 4 ] Das heißt: Der Blick auf das Bild führt keineswegs dazu, dass "uns zu mute ist, als wäre die Person selbst da". Der praktische Umgang mit Bildern bestätigt diese Beschreibung: Kaum jemand wird auf ein Bild schauen und dann die dargestellte Person begrüßen, weil er sie für anwesend hält. Die Erscheinung einer Sache im Bild hat nicht den ungebrochenen Charakter der unmittelbaren Präsenz dieser Sache, wie sie dem Blick aus dem Fenster eigen ist. "Die Erscheinung hat noch einen Charakter, der es hindert, sie für die Selbsterscheinung im eigentlichen Sinne zu nehmen."[ 5 ] Deshalb kann aus phänomenologischer Sicht die Gegenwärtigung durch die Wahrnehmung eben nicht mit der Vergegenwärtigung durch ein Bild verglichen werden. Anders gesagt: Deshalb kann man aus phänomenologischer Sicht das Bild nicht als ein Fenster behandeln.

Wenn diese phänomenologischen Beschreibungen zutreffend sind, dann scheint zumindest auf den ersten Blick die Erfindung des Fernsehers ein Rückfall in die unphänomenologischen Zeiten Albertis zu sein - nicht des Fernsehers selbst, sondern seines Namens. Der Name "Fernseher" suggeriert nämlich, dass dieses so bezeichnete Gerät die Fähigkeit besitzt, einen Blick in die Ferne zu ermöglichen. Der Name steht in der Tradition des offenen Fensters, welches in der Tat oft einen guten Blick in die Ferne ermöglicht. Der Name "Fernseher" ist sogar eine Radikalisierung der Metapher Albertis, denn dieser Name vergleicht das "Fernsehen" im Wohnzimmer nicht nur mit dem einfachen Hinaussehen aus einem hochgelegenen Fenster, sondern noch mit dem Blick durch ein Fernrohr. Das Fernrohr ist das klassische Instrument zum Fernsehen. Mit dem guten Fernrohr sieht man noch besser aus dem Fenster: weiter, klarer und selbst in der Dämmerung. Und genau diese Leistungen suggeriert auch der Name "Fernseher"; es lassen sich sogar Gebrauchsanweisungen finden, die den Fernseher explizit als ein Gerät für diesen Zweck anpreisen. So heißt es in einer Fibel zum Fernseher aus den 50er Jahren: "Sie haben wirklich die schöne Illusion, daß der Bildschirm Ihres Empfängers so eine Art Fenster, ein zusätzliches Fenster in Ihrer Wohnung ist - ein Fenster, das Ihnen den Blick in die Welt öffnet."[ 6 ]

Der Name "Fernseher" ist in der Tat bemerkenswert. Er steht in der Tradition Albertis, was selbst wiederum für die Namensgebung neuer Medien keine Tradition hat. So ist zum Beispiel der Name "Kinomatographie" ganz konventionell so gebildet wie zuvor auch schon die Namen "Photographie" oder "Lithographie". Der Fernseher scheint, zumindest was sein Name suggeriert, einen anderen Anspruch zu haben. Er will überhaupt nicht ein graphisches, das heißt aufschreibendes, festhaltendes Medium sein, sondern ein verbessertes Fernrohr, also die alte Tradition des offenen Fensters realisieren und darüber hinaus auch noch gleich verbessern. Denn weder Fenster noch Fernrohre konservieren ein Ereignis, lassen etwas Vergangenes sichtbar werden.

Die Frage ist nur, ob der im Namen "Fernseher" formulierte Anspruch berechtigt ist oder ob nicht vielmehr der Name bloß ein Name ist. Nur weil man Fernseher als Fernseher bezeichnet hat, müssen die im Namen ausgedrückten Eigenschaften nicht auch vorhanden sein. Düsseldorf ist auch kein Dorf. Man darf also keineswegs unbegründet vom Namen auf Ansprüche, Eigenschaften und Fähigkeiten einer Sache schließen. Der Fernseher, so könnte eine naheliegende Kritik an seinem Namen lauten, wird seinem Namen einfach nicht gerecht, da er in Wirklichkeit nichts anderes als ein weiteres Medium für Laufbilder ist, und Bilder sind, wie oben auch mit Husserl gezeigt wurde, keine Fenster, geschweige denn Fernrohre, sondern Darstellungen.

So überzeugend dieser Einwand auf den ersten Blick ist, so fragt man sich aber doch, warum es denn dann dazu gekommen ist, den Fernseher so falsch zu benennen. Warum Düsseldorf nicht Düsselstadt heißt, kann man ja auch erklären. Es muss doch einen Grund geben, warum das erste Medium für Laufbilder - der Kinofilm - klassisch benannt wurde, hingegen der Fernseher in seinem Namen einen ganz anderen Anspruch signalisiert.

Und in der Tat wird die Benennung des Fernsehers verständlich, wenn man davon ausgeht, dass der Name sich ausschließlich auf die mit diesem Medium neu geschaffenen Möglichkeiten bezieht. Dass man sich mit einem Fernseher auch Filme anschauen kann, ist nicht etwas Neues. Dies kann und konnte man auch schon im Kino. Wer sich einen Film im Fernseher ansieht, nutzt den Fernseher nicht als Fernseher, sondern als Heimkino, als Kinoersatz. Einen Fernseher nutzt man nur in der Live-Übertragung als einen Fernseher, denn dann lässt man sich von ihm etwas zeigen, was nur ein Fernseher zeigen kann und das kein Film ist. Gemessen an der spezifischen Fähigkeit der Fernsehtechnologie zur Live-Übertragung ist die Namensgebung ausgesprochen treffend. Denn in der Live-Berichterstattung bekommt man in der Tat ein zeitgleiches Ereignis in der Ferne zu sehen. In dieser Funktion ersetzt der Fernseher ein denkbares Fernrohr. Denn der Betrachter weiß sehr wohl zwischen einem Autounfall in einem Film und dem in einem live übertragenen Formel-1-Rennen zu unterscheiden. Im letzteren Fall sieht man ein sich im Moment der Betrachtung vollziehendes, reales Ereignis in der Ferne, die sich dem direkten Blick entzieht. Man merkt hieran, in welcher Reihe ein Fernseher steht: Ein aktuelles Formel-1-Rennen kann man von einer Tribüne, aus dem Fenster eines angrenzenden Hauses, durch ein Fernrohr von einem angrenzenden Hügel und eben durch eine Live-Übertragung im Fernsehen sehen.

Wenn man den Fernseher in diese Reihe stellt und sich ferner an Albertis Fenstermetapher erinnert, dann hat man mit der Erfindung des Fernsehers eine ausgesprochen eigenwillige Situation. Man hat nämlich ein Medium, das besser als der Blick aus dem Fenster und durch alle Fernrohre ist. Aus welchem Fenster kann man schon alle Formel-1-Rennen der Welt sehen? Das heißt aber: Mit dem Fernseher hat man ein Medium, um Entferntes sehen zu können. Aber man hatte keine Bilder, die etwas Präsentes in der Nähe zeigen. Die künstliche Präsenz eines Ereignisses in der Live-Übertragung betrifft nur die zeitgleiche Sichtbarkeit. Aber die Live-Übertragung erzeugt keine künstliche Präsenz im Sinne von Anwesenheit. Man sieht im Fernseher etwas sich in der Ferne Ereignendes, aber man sieht nicht etwas sich in Anwesenheit des Betrachters Ereignendes. Man sieht eben kein Rennen, das im Wohnzimmer stattfindet, sondern man sieht im Wohnzimmer ein Rennen, das zeitgleich in einem anderen Land läuft. Mediengeschichtlich betrachtet hinterlässt die Erfindung des Fernsehers daher die Aufgabe, für dieses Rennen im Wohnzimmer noch einen Nahseher erfinden zu müssen. Man kann auch sagen: Man braucht noch ein Medium, das Albertis Fenstervergleich wirklich standhält. Ein Medium, durch das man etwas in der Nähe Präsentes sieht. Denn mit dem Fernseher hat man ein Gerät, das Fernrohre ersetzen kann, aber nicht Fenster. Denn durch ein Fenster sieht man präsente Dinge im Sinne von anwesenden Dingen - Dinge, mit denen der Fenstergucker durchaus in Interaktion treten kann. So kann man ja zum Beispiel eine Person durch ein Fenster grüßen oder jemandem etwas durch ein Fenster zuwerfen. Die Dinge, die man durch ein Fenster sieht, gehören zum Teil mit in den Radius der Dinge, mit denen wir handeln.

Das derzeit verbreitetste Computerbetriebssystem dürfte "Windows" der Firma Microsoft sein. Dieses System gleicht dem älteren Betriebssystem MOS der Firma Apple wie zwei eineiige Zwillinge. Doch in einem Punkt ist das Plagiat ausgesprochen originell: in seinem Namen "Windows". Der Name bezieht sich auf die Idee, dass der Benutzer dieses Systems das, was er auf dem Bildschirm sehen möchte, immer innerhalb einer verfügbaren Fläche sieht, die eben als Fenster bezeichnet wird. Wie schon der Kunsthistoriker Axel Müller herausgestellt hat, zeigt sich hier durchaus die Präsenz von Albertis Metapher.[ 7 ] Deshalb ist die Frage angebracht, inwieweit sich auch das von Alberti mit seiner Metapher Gemeinte verwirklicht. Dies wäre genau dann der Fall, wenn die Bildschirmfenster wie die Fenster in einem Haus anwesende Dinge sehen lassen würden.

Man stelle sich vor, man nutzt einen Computer mit dem Windows-Betriebssystem zur Textverarbeitung; man schreibt in der als Fenster bezeichneten Fläche einen Text. Diesen Text, den man dann im Bildschirmfenster lesen kann, ist ein anwesender Text, auf den der Betrachter Zugriff hat, denn er so verändern kann, wie er einen Text verändern kann, den er mit einem Bleistift auf ein Blatt Papier geschrieben hat. Man bietet dem Betrachter eines Computerbildschirmes in einem Fenster nicht den Blick auf einen abwesenden Text, sondern man hat mittels eines Bildes einen sichtbaren und anwesenden Text erstellt. In dieser Funktion tritt das Fenster im Internet auf: als ein bildliches Medium, um anwesende Dinge zu erzeugen - allerdings keine realen Dinge, sondern virtuelle Dinge, das heißt Dinge, die die Eigenschaft haben, ausschließlich gesehen werden zu können. Windows sind Fenster, durch die man - wie beim Fenster eines Hauses - Dinge sieht, allerdings qualitativ andere Dinge als man durch Häuserfenster sehen kann, nämlich nur sichtbare Dinge, und diese können nur durch Bilder hergestellt werden. Deshalb kann man sagen, dass in diesem Fall das Bild mit einem Fenster identisch wird. Besonders deutlich wird diese Identität, wenn man an den Fall denkt, dass man in einem Fenster eine Simulation eines Ereignisses hat, zum Beispiel die Simulation eines Formel-1-Rennens. Dann hat man die Inversion des Fernsehers, nämlich in der Tat einen Nahseher, der ein virtuelles Rennen in das Wohnzimmer holt. Denn wenn man sich die Simulation eines Rennens anschaut, betrachtet man nicht mittels eines Fernrohr-Ersatzes ein zeitgleiches Rennen in einer Ferne, sondern man betrachtet wie durch ein Fenster ein sich in unmittelbarer Nähe des Betrachters stattfindendes Rennen - allerdings kein reales, sondern ein virtuelles Rennen.

Windows auf einem Bildschirm sind sowohl Bilder als auch Fenster - Fenster, weil sie etwas zu sehen geben, was präsent ist, und Bilder, weil sie etwas zu sehen geben, das man ausschließlich sehen kann. An dieses Phänomen kann Alberti zweifelsohne nicht gedacht haben, doch das schließt nicht aus, dass mit jedem Öffnen eines Computerfensters Albertis Theorie vom Bild als geöffnetem Fenster eine ungeahnte Umsetzung erfährt.

[ 1 ] L.B. Alberti, Kleinere Kunsttheoretische Schriften, hg. von H. Janitschek, Osnabrück 1970, S. 47.
[ 2 ] J.-P. Sartre, Was ist Literatur? (1948), hg. von T. König, Reinbeck bei Hamburg 1981, S. 49.
[ 3 ] E. Husserl, Phantasie, Bildbewußtsein, Erinnerung. Zur Phänomenologie der anschaulichen Vergegenwärtigungen. Texte aus dem Nachlaß (1898-1925), Hua XXIII, hg. von E. Marbach, The Hague, Boston, London 1980, S. 32.
[ 4 ] E. Husserl, Hua XXIII, S. 54.
[ 5 ] Ebd.
[ 6 ] Zitiert nach H. Brüggemann, Das andere Fenster. Einblicke in Häuser und Menschen. Zur Literaturgeschichte einer urbanen Wahrnehmungsform, Frankfurt/Main 1989, S. 300.
[ 7 ] Siehe hierzu A. Müller, "Albertis Fenster. Gestaltwandel einer ikonischen Metapher", in: Bild - Bildwahrnehmung - Bildverarbeitung. Interdisziplinäre Beiträge zur Bildwissenschaft, hg. von K. Sachs-Hombach und K. Rehkämper, Wiesbaden 1998, S. 173-183.

© 2001 Lambert Wiesing

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