Journal Phänomenologie

 

 
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Journal Phänomenologie / Texte / Schwerpunktbeitrag Heft 15/2001
 
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Der große Karneval: Im Cyberspace ist das ganze Jahr Fasching

Olaf Kaltenborn, Bochum

Dass Karneval und Cyberspace bedeutende kultursoziologische Gemeinsamkeiten aufweisen, ist ein bisher noch viel zu wenig gewürdigter Umstand der Kulturhistorie. Zugespitzt lässt sich sagen: Während die fünfte Jahreszeit an Rhein, Ruhr und anderswo nur wenige Tage dauert, ist im Internet das ganze Jahr Fasching - wenn man darunter das sich wiederholende, ritualisierte Spiel mit Masken und Identitäten versteht.

Auch andere Überschneidungen ergeben sich: Carne vale - Fleisch leb wohl!, riefen schon die Lateiner im Angesicht der bevorstehenden Fastenzeit - letzte Gelegenheit, noch einmal "richtig die Sau rauszulassen", sich dionysischen Räuschen und orgiastischen Ausschweifungen hinzugeben, bevor der Gürtel wieder enger geschnallt werden musste.

Carne vale - Fleisch leb wohl: Die Internetgeneration hat aus Scheu vor dem eigenen und dem fremden Körper und ganz ohne christliches Verzichtsgebot inzwischen verlernt, ohne technische oder bewusstseinsverstärkende Hilfsmittel "die Sau rauszulassen". Die Übung der Fleisch- bzw. Leibüberwindung dominiert den Cyberspace. Wenn auch in einem wohl viel grundlegenderen Sinne als in der christlichen Fastenzeit: Erfolgt doch der im Cyberspace ermöglichte Wechsel der Identität in einem Raum, der vermeintlich jenseits der eigenen Leiblichkeit mit all ihren scheinbaren und tatsächlichen Begrenzungen liegt. Nicht erst in der so genannten virtuellen Realität mit ihren künstlich gestalteten neuen "Welten", sondern schon in einfachen Chatrooms ist vieles machbar: Wechsel des Geschlechts (um sich beispielsweise als Mann in einen Frauen-Chat einzuschleichen und dort als "Maulwurf" mitzumischen), Wechsel von Werthaltungen und Einstellungen bei politischen Debatten, Ausmalung einer völlig neuen Persönlichkeitsstruktur usw.

Was steht dahinter? Wie der Narr auch deshalb Narr ist, weil er seine Maske bei Bedarf virtuos wechseln kann, wird vom echten Netzaktivisten, noch in Überbietung der karnevalesken Praxis, nichts weniger als ein ubiquitäres Netz-Ich angestrebt; ein Selbst, das nicht mehr in einem Ich-Kern seine Bestimmung findet, sondern in einer möglichst großen Zahl von Rollen, die es sich je nach Kommunikationssituation passgerecht überstülpen kann: "Ich bin Viele", sagt die Netzaktivistin Sherry Turkle. Das eignet sich gut als Leitsatz über dem bunten Reigen von Ich-Folien, unter denen sich täglich viele Millionen ins Netz schleichen. Auch der Satz Lacans "Ich ist ein Anderer" macht Sinn. Denn im Internet scheint Ich tatsächlich zum Herren seiner Identität(en) werden zu können. Verschiedene Alter Egos könnten sich endlich "ausleben", die in der realen Welt womöglich zu kurz kommen, neue Wunsch-Ichs können sogar entstehen. Und keiner kann mehr überprüfen, ob einer nun Richard Gere ist oder ihn nur imitiert. Verwirklicht also gerade die "Internetgemeinde" endlich jene phänomenologische Grundeinsicht, wonach wir die Grenzen des Selbst nicht an der Grenze unserer Haut enden lassen können bzw. dass Andere und Anderes immer schon in uns wirkt und waltet, bevor wir überhaupt Ich sagen können? Dass wir also letztlich unfähig sind anzugeben, was nun zum Kernbestand unseres Ich gehört und was nicht mehr.

Wenn das Fremde immer schon in uns wirkt, warum ihm dann nicht auch via Neue Medien Stimme und Möglichkeit verleihen? Warum also nicht Maskerade treiben, sich selbst zum Narren machen, mit den Folien seiner eigenen Identitäten spielen? Solche Fragen werden seit Jahren immer wieder anlässlich medienwissenschaftlicher Foren gestellt, wo Netzaktivisten dem staunenden Publikum dann von den unbegrenzten Möglichkeiten und Erlebnissen ihren Netzreisen berichten wie einst Jules Verne in seinem Roman In achtzig Tagen um die Welt. Heute müsste man den Titel wohl ein wenig variieren: In achtzig Tagen um das eigene Ich - und immer noch kein Land in Sicht.

Dennoch werden solche Fragen oft mit einem erstaunlichen Optimismus beantwortet, ganz so, als breche mit den Möglichkeiten dieser technischen Ich-Erweiterung endlich das Zeitalter absoluter personaler Freiheit in einer globalisierten Kultur voller Toleranz und Harmonie an. Deshalb besteht Anlass zu der Frage: Meinen Phänomenologie und Netzaktivisten tatsächlich das Gleiche, wenn sie von der Flüssigkeit ihres Selbst sprechen?

Die Antwort darauf ist ein deutliches Nein: So sehr sich die Phänomene an der Oberfläche gleichen, so sehr die Netzaktivisten als praktische Vollstrecker einer phänomenologischen Philosophie erscheinen mögen, so sehr gibt es gravierende Unterschiede in der Tiefenstruktur.

Zunächst einmal: Gerade jener gute Geist einer völkerverständigenden, globalen Toleranz, die diese Art von elektronischem Meinungsaustausch vermeintlich durchwaltet, ist Maskerade. Denn gerade Internet als Primärmedium des Meinungsaustausches erscheint wenig geeignet, das Fremde besser verstehen zu lernen, bzw. Formen einzuüben, besser mit ihm umgehen zu können. Warum? Weil gerade der Cyberspace die Illusion vermittelt, die Auseinandersetzung mit dem Fremden könne ohne die Widerständigkeit einer realen leiblichen Erfahrung geschehen oder sogar technisch vermittelt organisiert werden. Eine gefährliche, eine trügerische Illusion. Liegt dem doch die Vorstellung zugrunde, es gäbe eine Begegnung mit dem Anderen ohne ein gleichzeitiges Fremdwerden des Selbst im Prozess dieses Begegnens. Zumindest in der realen Begegnung ist dieses Fremdwerden nicht antizipierbar, planbar, steuerbar. Wo, wie und wann uns das Fremde trifft, darüber sind wir nicht Herr. Deshalb kann der Fremdbezug als Selbstentzug auch schmerzlich sein. Und gerade um diese Erfahrung des schmerzlichen Entzugs in einer Zurückweisung, einer Zurechtweisung, einer gescheiterten Verständigung, einer Empfindung der eigenen Unzulänglichkeit drücken sich viele Netzflüchtlinge herum. Sie suchen den Cyberspace auf, um sich selbst nicht noch fremder werden zu müssen, als sie es ohnehin schon sind. Sie wollen - um jeden Preis - Herr ihrer Ich-Folien bleiben, die sie von sich in die Welt hinaus schicken. Wenn sie also das Fremde im Cyberspace suchen, dann häufig nur als Projektionsfolie ihres Selbst oder als maskenreiche Bemäntelung einer gewissen Welt-Schüchternheit und Berührungsnot. Ansatzweise wird diese Erfahrungsscheu und Weltschüchternheit deutlich in Sherry Turkles Buch Leben im Netz.[ 1 ] Die Autorin vertritt darin die Ansicht: "Das wirkliche Leben ist nur ein zusätzliches Fenster zur Welt, und es ist nicht unbedingt mein bestes" (S. 62). Warum ist das reale Leben nicht unbedingt ihr bestes Fenster? Weil, so antwortet Turkle, "jeder von uns auf seine eigene Weise unvollkommen ist [...]. Virtuelle Räume geben uns die nötige Sicherheit, um unsere Unzulänglichkeit zu enthüllen, so daß wir damit beginnen können, uns als diejenigen anzunehmen, die wir nun einmal sind." [ 2 ] Die Faszination der verteilten Identität im Cyberspace resultiert daraus, dass die Akteure nach Belieben als Designer und Schöpfer ihrer eigenen Identität auftreten, einer Identität, die ihnen im realen Leben nicht abgenommen würde. Katie Argyle, die ihre Erfahrungen im Umgang mit Netzidentitäten in einem Aufsatz "Is there a body in the Net?" beschreibt: "[...] I could not resist using the cover to heighten aspects of myself that I thought a bit inappropriate in person." [ 3 ] Erst in der Erhöhung jener Aspekte, die ihr im normalen Leben wie Hochstapelei vorgekommen wären, fühlte sich Argyle "true to my real self via the electronic persona I was projecting". [ 4 ] Es ist also Sehnsucht nach Anerkennung im Spiel. Wohlgemerkt: Anerkennung als ein anderer als der, für den man sich eigentlich hält. Und so will es scheinen, als spiele sich hier eine gewaltige Köpenickiade ab von Ich-Flüchtigen und Ich-Spielern: Einmal Frau sein können, ohne dass einen der männliche Körper sofort verrät. Einmal den Mächtigen, Unverletzlichen spielen können, ohne dass einem beim Auftritt die Stimme versagt und alle anfangen zu lachen. Oder der Farbige, der sich im Netz keiner Diskriminierung wegen seiner Hautfarbe ausgesetzt fühlt. Oder der Behinderte, der sich in seiner Newsgroup ohne das Stigma seiner Behinderung endlich als ganzer Mensch angenommen fühlt.

Im Netz seien alle gleich, so hört man es häufig aus der "Netzgemeinde", und frei. Katie Argyle schreibt über diese Freiheit: "Online I was myself, pseudonym Kitty, and could have easily presented myself as one or several other fantazised personae. Many people trust this ‚other‘ that I gave them of myself, and they revealed parts of themselves to me in turn." [ 5 ]

Doch die Cyber-Aktivistin Gloria Mark entzaubert diesen Mythos von der Gleichheit und Freiheit im Netz gleich wieder, indem sie betont, dass gerade im Netz jeder seine Idealfigur zeigen wolle; jene zu kurz gekommenen, nicht ausgelebten Ideale der realen Welt offenbarten sich hier wie unter einem Brennglas: "To what extend do we project our own bodies into a virtual world? Conventions and standards oft bodies in the real world ar too often carried over into virtual environments: the beauty myth is manifest in descriptions of bodies as sexy and beautiful; similary many examples of virtual characters represented as strong and powerful bodies also exist. [ 6 ]

Eine Freiheit gibt es indes wirklich. Es ist die Freiheit von den Widerständen und der Überwindung, die eine echte Köpenickiade im realen Leben kosten würde.[ 7 ] Vor allem aber sind sie frei vom verräterischen Leib, von einem Leib, der im realen Umgang ständig Zeugnis ablegt, ob man es nun will oder nicht, über den Zustand und die Befindlichkeit der korporierten Person. [ 8 ] Der eigene Leib in seiner ganzen Schutzbedürftigkeit, Empfindsamkeit und Fragilität ist daher dringend verdächtig. Er ist verdächtig eines Überschusses des Selbst, eines Überschusses, der nicht einholbar und durch Techniken der Selbstkontrolle nur begrenzt hintergehbar ist. Und er ist verdächtig, dieses Mehr immer im unpassendsten Moment zu zeigen, eben dann, wenn man sich gerade das kontrollierte Ich wünschte, das sich je nach Belieben und Situation in dieses oder jenes verwandeln könnte. Dies ist die Widerständigkeit der leiblichen Existenz, dass wir nicht nur mit manchen Mängeln zu kämpfen haben, sondern überdies auch noch mit einem Überschuss an Bedeutung zurechtkommen müssen, für den es oft keine vernünftige Erklärung und keine Planung gibt. Der Leib schäumt gleichsam über. Und in diesem überschäumenden leiblichen Selbst verwandelt sich der Mensch unter dem abschätzenden, erwartenden, fordernden, lauernden Blick der anderen in einen Fremden, einen, mit dem er am Ende nicht mehr auf Du sein will.

Wie leicht scheint dagegen der Einstieg ins Netz: Jedenfalls gehört kein Mut, keine Überwindung zu einem Schritt in die virtuelle Welt. Das ist die eigentliche Attraktion dieser chamäleonesken Verwandlungen, wie sie Turkle als Therapie des überreizten und narzisstischen Ich anpreist. Sie kosten nichts außer Lebenszeit und Leitungsgebühren. Sie finden in dem geschützten Reservat einer leibgereinigten Teilanonymität statt, aus der sich jeder nach Belieben wieder zurückziehen kann, wenn er befürchten muss, zu viel von sich preiszugeben. Wenn Netzidentitäten und Realidentität zu einem Sozial-Amalgam verschmelzen, besteht die Gefahr, das reale Leben und die in ihm vorkommenden "widerständigen" Sozialverhältnisse fortan nur noch über die Elle jener Widerstandslosigkeit zu messen, mit der hier zwar Verwandlungen mühelos gelingen, dort jedoch, wenn überhaupt, nur unter großen Mühen. Bill Gates, der mächtige Beherrscher des Microsoft-Imperiums, liefert hierfür ein anschauliches persönliches Beispiel: "Ich war mal mit einer Frau befreundet, die in einer anderen Stadt lebte. Wir haben uns oft per E-Mail unterhalten. Schließlich fanden wir eine Möglichkeit, zusammen ins Kino zu gehen. Wir suchten einen Film aus, der zu gleichen Zeiten in beiden Städten spielte. Dann fuhren wir ins Kino, jeder in seins und plauderten per Handy miteinander. In Zukunft werden solche ‚virtuellen Rendezvous‘ konkretere Formen annehmen", prophezeit Gates [ 9 ] Eine Therapie, wie sie Turkle vorschlägt, kann indes nur so lange eine gute Therapie genannt werden, wie der Fluchtpunkt und Schutzraum nicht schon zum eigentlichen Selbstzweck und Lebenssinn geworden sind. Sonst könnten sich die Schutz- und Spielräume der virtuellen Identitäten schnell als potemkinsche Dörfer erweisen, reine "Spielbedeutungen" [ 10 ] nämlich, in denen das gebrechliche Selbst sich endgültig verliert. In den USA hat man die Online-Sucht, Pathological Internet Use (PIU), bereits erforscht. Claudia, Mitte 30, aus Berlin beschreibt die Strukturen dieser Sucht aus eigener Erfahrung so: "Als ich keinen Freund hatte und keinen Spaß im Job, habe ich das Chatten sehr intensiv betrieben, aus einer Form der Unzufriedenheit heraus. Ich habe mich manchmal definitiv an der Suchtgrenze gesehen. Anders kann man es nicht nennen [...]. Letztlich ist man aber doch wieder nur einsam und unzufrieden - denn irgendwie ist es nicht so richtig zu greifen, so wie das wirkliche Leben". Ein Zeichen der Online-Sucht ist, ähnlich wie bei der Spielsucht, "daß reale Vorhaben immer wieder über den Haufen geworfen werden, um Zeit zu haben für die virtuelle Welt[ 11 ]

Nicht ohne Grund wird das Bedürfnis, sich im Cyberspace in fraktalen Identitäten zu verlieren, von Psychologen immer wieder als schizoides Symptom gedeutet. Gloria Mark fragt sich denn auch ein wenig ängstlich und zweifelnd über den Ausgang dieses Experiments: "Will these new experiences push our awareness of our body further into the background, will we feel completely disembodied, or will we be able to bring these bodily movement experiences back into our physical worlds [...]?" [ 12 ]

Die Aussicht, auch hier nicht als selbstbewusster Narr, sondern als trauriger Clown zu enden, sind also letzten Endes nicht gering.

Anmerkungen

[ 1 ] Sherry Turkle: Leben im Netz. Identität in Zeiten des Internet, Hamburg 1998.

[ 2 ] Zit. nach Stefan Becht: "Das virtuelle Ich - Sherry Turkle preist das Internet als Mittel zur Identitätsfindung", in: Die Zeit, Nr. 16 (1998), CD-ROM-Recherche, o. S.

[ 3 ] Katie Argyle: "Is there a body in the Net?", in: Rob Shields (Hg.): Cultures of Internet, London, Thousand Oaks, New Delhi 1996, S. 59.

[ 4 ] Ebd.

[ 5 ] Ebd.

[ 6 ] Gloria Mark, in: Rob Shields (Hg.): Cultures of Internet, London, Thousand Oaks, New Delhi 1996, S. 16.

[ 7 ] Geert Lovink und Pit Schultz erklären diese Flucht vor der Widerständigkeit aus der "globalen Herrschaft der Null-Risiko-Ideologie" im Zeichen des Cyberspace (Geert Lovink / Pit Schultz: "Anmerkungen zur Netzkritik", in: Stefan Münker / Alexander Roesler (Hg.): Mythos Internet, Frankfurt/Main 1997, S. 357).

[ 8 ] Zur Problematik der Leiblichkeit im Technikumgang vgl. Olaf Kaltenborn / Barbara Mettler-v. Meibom: "Der Verlust des menschlichen Maßes - Die Agonie des Leiblichen in der Informationsgesellschaft", in: Das Parlament, Nr. 33-34, 18 (1996), und Olaf Kaltenborn: Das Künstliche Leben. Die Grundlagen der Dritten Kultur, München 2001.

[ 9 ] Bill Gates, zit. nach Claus Eurich: Mythos Multimedia. Über die Macht der neuen Technik, München 1998, S. 155.

[ 10 ] Bernhard Waldenfels (Hg.): Edmund Husserl: Arbeit an den Phänomenen, Frankfurt/Main 1993, S. 26 ff.

[ 11 ] Manuela Ludwig: "Liebe per Mausklick", in: Der Tagesspiegel, 19. Oktober 1998, S. 3.

[ 12 ] Gloria Mark, in: Rob Shields (Hg.): Cultures of Internet, London, Thousand Oaks, New Delhi 1996, S. 16.

© 2001 Olaf Kaltenborn

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