Journal Phänomenologie

 

 
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Journal Phänomenologie / Texte / Schwerpunktbeitrag Heft 15/2001
 
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Im Netz

Käte Meyer-Drawe, Bochum

Kein Fisch würde - selbst wenn er dies könnte -, keine Fliege würde - selbst wenn dies im Rahmen ihrer Möglichkeiten läge -, so stolz und zufrieden lächeln, wenn er dem Fischer oder sie der Spinne ins Netz gegangen wäre, wie Boris Becker auf der abgebildeten und weit verbreiteten Reklame. Auch der Schmetterling hat vermutlich eine andere Beziehung zum Käscher. Bis vor gar nicht langer Zeit war es ein Ärgernis, wenn man jemandem ins Netz gegangen war. Dies bedeutete Verführung, Gefangenschaft, Auslieferung, Aussichtslosigkeit, Ohnmacht, Panik. Metaphorisch stand das Netz für Verstrickungen fataler Art, für ein unabwendbares Schicksal, dem man aufgrund von List und Tücke in die Fänge geraten war. Netze versinnbildlichten "Maschen der Macht" (Michel Foucault), in denen man sich verfängt. Sie waren zur Gefangennahme des Anderen ausgelegt. In ihnen durchkreuzen sich Verführung und Gewalt. Ihr feines Geflecht macht sie beinahe unsichtbar und erbarmungslos effizient. Ihre Stärke brachten sie hervor, wenn das Opfer sie berührte. Spionagenetze unterwanderten internationale Beziehungen. Die Vernetzungen von tragenden Institutionen der Gesellschaft beschworen das Gespenst des Überwachungsstaates herauf. Das Netz symbolisierte den Triumph des Fängers, der Beute gemacht hatte. Schwache Abkömmlinge sind das Einkaufsnetz und das Haarnetz.

Noch unlängst repräsentierte der vernetzte Mensch die Schreckgestalt eines gläsernen Bürgers. Man erinnere sich u. a. an die umstrittene Volkszählung von 1987. In Zeiten des "www", des weltweiten Informationsnetzes, haben sich die Dinge geändert. Heute gilt es unbefragt als attraktiv, vernetzt zu sein. Geradezu olympisch lautet die Devise "Vernetzt sein ist alles". Im Netz zu sein bedeutet, an alle nötigen und unnötigen Informationen zu gelangen, synchron oder diachron die Anderen im Netz zu erreichen und selbst erreichbar zu sein. Das Netz eröffnet Kommunikationsräume und erweitert damit nicht nur kognitive, sondern auch soziale Möglichkeitsfelder. Bei der Rede von der Vernetzung handelt es sich nicht um einen modischen Jargon wie bei anderen populären Redewendungen (z. B. "einloggen" und "scannen"), die ehemalige Fachbegriffe in die Umgangssprache einführen und verallgemeinern. Wie der Begriff der Information eignet sich die Metapher des Netzes nämlich dazu, ganz unterschiedliche Bereiche unter einer Signatur zusammenzufassen, in einem Bild zusammenzubinden und damit als Anschauungs- und Denkform zu normalisieren. Wir bewegen uns in Verkehrsnetzen. Unser Gehirn arbeitet mit neuronalen Netzen. Wir kommunizieren in Mobilfunknetzen. Der Schein der Ähnlichkeit paart sich mit dem Trug der Verständlichkeit.

Wir informieren uns im Rundfunknetz. Wir benutzen Netzkarten. Wir verdichten soziale Netzwerke. Wir stehen unter dem Menetekel der globalen Vernetzung. Hervorstechende Eigenschaft des Internets als "Netz der Netze" ist dabei seine dezentrale Struktur.[ 1 ] Wir können uns "einloggen" und dann im Netz "surfen". Wir können auf diesem Wege Bankgeschäfte tätigen, Bibliotheken besuchen, einkaufen und vieles mehr. Wir werden kontinuierlich mit Hinweisen versorgt, sodass Boris Becker tatsächlich Grund zur Freude hat, wenn er erst einmal "im Netz" ist. Von da an geht alles (beinahe) wie von selbst.

Wie andere Techniken auch lässt das Internet Selbst- und Weltdeutungen des Menschen nicht unberührt. Im Sinne einer "anthropomorphia inversa" (Heinz von Foerster) spiegeln sich Menschen nicht erst in ihren elektronischen Maschinen.[ 2 ] Man denke an das Trauma des 18. Jahrhunderts, als hochentwickelte Körperautomaten die Frage nach der menschlichen Seele aufwarfen. War der Mensch wirklich nicht mehr und nichts anderes als die Organisation seiner Körperteile? Auf gewisse Weise rettete der Computer die menschliche Seele. Wie sein Vorgänger, die Rechenmaschine, fungierte er als ebenbürtiger Doppelgänger im Sinne einer Geistmaschine. Im Rahmen dieser Entwicklung normalisiert die Netzmetapher die zentrale Ähnlichkeit: Denken und elektronische Datenverarbeitung basieren auf Vernetzungen. Damit wurde zugleich eine Selbstdeutung fraglich, die das menschliche Subjekt in der europäischen Moderne als Zentralfigur ausstaffierte. Die souveräne Gestalt von Subjektivität hat dem Knoten im Netz Platz gemacht. "Wir haben uns als Knotenpunkte eines Netzes anzusehen, durch dessen Fäden (seien sie materiell oder energetisch) Informationen strömen. In diesen Knoten werden die Informationen gestaut, prozessiert und weitergegeben, aber diese Knoten sind nicht ein Etwas: entknotet man sie (löst man die Relationsfäden, die sie bilden), dann bleibt nichts übrig (wie bei der sprichwörtlichen Zwiebel). Mit anderen Worten: wir haben eine Anthropologie auszuarbeiten, welche den Menschen als eine Verknotung (Krümmung) einiger sich überschneidender Relationsfelder ansieht."[ 3 ]

So wie das Mikroskop und das Teleskop das Design moderner Subjektivität in Vorformen sowohl voraussetzten als auch an seiner Gestaltung beteiligt waren, indem sie den Blickstrahl an ein souveränes Auge banden,[ 4 ] so fängt das Internet die Verabschiedung des Subjekts auf und gibt ihm eine neue Bedeutung. Das Liebäugeln mit dem göttlichen Blick,[ 5 ] der alles von oben sieht und eigentlich nur sich und ein pures Gegenüber kennt (Subjekt - Objekt), hat ein Ende. Der ehemalige Kosmotheoros wird gefangen und relational eingebunden. Das weltweite Netz setzt der Demontage des Subjekts scheinbar ein Ende und gibt diesem einen neuen Ort. Es ist weder ein Souverän, dem alles zu Füßen liegt, noch ein bloßes Subjekt, das allem unterworfen ist, es existiert nicht diesseits oder jenseits des Netzes, sondern als ein Knotenpunkt, durch den die Informationsflüsse strömen. Dieser Knoten pulsiert und hat sich von seiner apotheotischen Vergangenheit nicht gänzlich verabschiedet. Er eignet sich z. B. in Form von Avataren souveräne Macht zu. Avatare fungieren als digitale Masken in dreidimensionalen virtuellen Räumen. Ihr Name erinnert nicht ohne Hintersinn an die verschiedenen Inkarnationsformen (avatâras), in denen der hinduistische Gott Vishnu gegen die Dämonen für die Ordnung der Welt kämpft. Virtuelle Welten als technologische Schöpfungen haben dabei hellsichtig gemacht für die virtuellen Momente unserer faktischen Lebenswelt. Deren Gegebensein wird in Frage gestellt. Vom Erkennen wird mitunter gesagt, dass es "natürlich" konstruiere. Radikaler Konstruktivismus und Systemtheorie sind in dieser Hinsicht Spiegelungen des Erkennens im elektronischen Netz.

Aber selbst wenn sich das Ich spielerisch mit virtuellen Identitäten ausstattet sowie mit fingierten Körpern in einer simulierten oder imitierten Welt agiert und dies als individuelle Freiheit erlebt, es hat nicht länger sämtliche Fäden in der Hand, sondern ist in der Hand der Fäden, die von sehr unterschiedlichen Händen gespannt werden. Das Flanieren im Netz ist im Rahmen der Universalisierung medialer Kommunikation reversibel. Die Zeiten sind vorbei, in denen der eine alles sieht und dabei selbst nicht gesehen wird. So geben unsere mobilen Telefone Auskunft über die spezifische Topographie unserer Lebenswelt. Unsere Aktionen in virtuellen Welten können gegebenenfalls detailgetreue Portraits von uns zeichnen. Gepaart mit den anderen Technologien der Sichtbarkeit wird der "gläserne Mensch" zur Realität. Sein Dresdner Vorfahre erregte in den dreißiger Jahren ungewöhnliches Aufsehen und fungiert noch heute als Monument des Begehrens nach vollständigem Durchblick. Doch wirkt er aus heutiger Sicht eher rührend. Hier war nämlich die Sichtbarkeit selbst noch sichtbar und fand ihre Grenze an der Materialität der Organe. Längst hat sie sich selbst in die Unsichtbarkeit zurückgezogen, flankiert von Normalisierungsprozessen, in denen Menschen begeistert einen universalen Panoptismus zelebrieren. Nicht nur die Körper können beobachtet und gelesen werden, sondern auch Gedankenwege und Pfade der Lust. Die Maschen der Macht sind enger und stabiler geworden: Die Begeisterung, sich in ihnen zu verfangen, ist groß. Unbemerkt bleibt manchem, dass diese Form der Individualisierung lediglich die andere Seite der Totalisierung ist, die unsichtbar und wirkungsvoll Beute macht, und zwar im Netz.

[ 1 ] Vgl. Manfred Faßler: Cyber-Moderne. Medienrevolution, globale Netzwerke und die Künste der Kommunikation, Wien, New York 1999, bes. S. 161 ff.
[ 2 ] Vgl. Käte Meyer-Drawe: Menschen im Spiegel ihrer Maschinen, München 1996.
[ 3 ] Vilém Flusser: "Gedächtnisse", in: Ars electronica (Hg.): Jean Baudrillard u. a.: Philosophien der neuen Technologie, Berlin 1989, S. 41-55, hier: S. 52
[ 4 ] Vgl. Michel Serres: "Gnomon. Die Anfänge der Geometrie in Griechenland", in: ders. (Hg.): Elemente einer Geschichte der Wissenschaften, übers. v. Horst Brühmann, Frankfurt am Main 1994 [Paris 1989], S. 109.175, hier: S. 118 f.]
[ 5 ] Vgl. Hans Blumenberg: Die Legitimität der Neuzeit, Dritter Teil: Der Prozeß der theoretischen Neugierde, Frankfurt am Main 1966, S. 336 f., Anm 247.

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