Journal Phänomenologie

 

 
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Journal Phänomenologie / Texte / Schwerpunkt-Einleitung Heft 15/2001
 
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Schwerpunkt: Internet

Einleitung

Ulrike Kadi und Silvia Stoller, Wien

Die Philosophie und insbesondere die Phänomenologie ist ein nachträgliches Geschäft. Die Zuwendung zu einem Thema erfolgt in der Regel aus gehöriger zeitlicher wie räumlicher Distanz. Solches Verhalten wird von anderen ZeitgenossInnen nicht immer goutiert - allein darauf kommt es nicht an. PhänomenologInnen haben den Anspruch, etwas über das aktuelle Tagesgeschehen hinaus Haltbares zu sagen. Dafür beanspruchen sie zu Recht eigene wie fremde Geduld. Das Internet widersetzt sich dieser Praxis: Nicht nur, dass eine zeitliche Distanz zu einer sich rasch etablierenden globalen Vernetzung noch nicht gewonnen ist, sind PhänomenologInnen als E-Mail-Verfasserinnen, List-OwnerInnen, AdministratorInnen, Homepage-VerwalterInnen und anders mehr bereits so sehr in die neuen Aktivitäten verstrickt, dass auch die räumliche Distanz für die geforderte Reflexion nicht gegeben scheint. Vielleicht sind die Schreckensvisionen und Angstträume, wie sie immer wieder in der Literatur zum Internet auftauchen (vgl. als Beispiel Sengers 1997), Folge dieses plötzlichen Einbruchs der neuen Technologie. Dabei ist bis jetzt nicht entschieden, ob die Irritationen, die mit dem Internet verbunden werden, nicht die Wiederkehr eines Reaktionsmusters darstellen, das den aufkommenden Buchdruck ebenso begleitet hat wie die ersten Fotografien oder Filme (Broeckmann 1997, S. 186).

Die Wahl des Schwerpunktthemas "Internet" stellt damit ein Wagnis dar. Der Kanon phänomenologisch orientierter InternetexpertInnen ist noch nicht festgelegt. Ein Rückgriff auf vorhandene Thesen, eine philologische Bearbeitung eines vorstrukturierten Feldes sind beim Thema Internet - ausgenommen beispielsweise die Bereiche Medialität und Virtualität - aus einer streng phänomenologischen Sicht kaum möglich. Gleichzeitig gilt es aber, sich angesichts der Unübersichtlichkeit und Vielfalt der Thematik der "unendliche[n] Leichtigkeit einer Netzkritik" (Lovink/Schultz 1997, S. 342) entgegenzustellen. Für die in diesem Heft versammelten Beiträge sind grob zwei verschiedene Ansatzpunkte zu unterscheiden: zum einen die Konfrontation phänomenologischer Einsichten mit Erfahrungen im neuen Medium, zum anderen eine Untersuchung einzelner Aspekte des Mediums, die phänomenotechnisch vorgeht (vgl. Waldenfels 1998), insofern sie verstärkt, was im Hintergrund des Erscheinenden zum Vorschein kommt.

Käte Meyer-Drawe wählt den ersten Ansatzpunkt. Sie greift die Metapher des "Ins Netz gehen" auf und stellt sie der Netzmetaphorik der Internetwelt, dem "Netz der Netze", gegenüber. In dieser Gegenüberstellung werden zwei gegensätzliche Bedeutungen transparent. Während es bis vor kurzem noch als fatal galt, beispielsweise "jemandem ins Netz zu gehen", ist die Rede von Netzen im Zeitalter der globalen Vernetzung heute klar positiv besetzt. Die bekannte Werbekampagne des Online-Dienstes AOL mit Boris Becker vergangenen Jahres in Deutschland ist davon nur ein Zeugnis von vielen. Meyer-Drawe schärft mit einem foucaultschen Hintergrund den Blick für diese Bedeutungsverschiebung. Gleichzeitig warnt sie aber vor der Verfänglichkeit der neuen Netz-Euphorie. Ihrer These zufolge geht der viel gepriesenen Individualisierung des Subjekts im Zuge der Universalisierung medialer Kommunikation eine bislang noch zu wenig beachtete "Totalisierung" des Subjekts einher, insofern die Mechanismen des Internets immer auch Kontrolle ihrer UserInnen bedeuten.

Auch Olaf Kaltenborn, ebenso wie Meyer-Drawe an vorhandenen phänomenologischen Einsichten orientiert, wendet sich gegen eine allzu große Interneteuphorie. Er konzentriert sich auf das Spiel mit wechselnden Identitäten, wie es in Chatrooms üblich ist. An diesen Orten scheint die Freiheit grenzenlos, abhängig von der jeweiligen Situation und den anderen TeilnehmerInnen am Spiel, die eigene Rolle zu wählen und nach Belieben zu wechseln. Liegt darin eine Bestätigung der psychoanalytischen und phänomenologischen Einsicht, dass mein Selbstverständnis von der/dem Anderen mitbestimmt ist, dass Eigenheit immer von Fremdheit durchsetzt zu denken ist? Kaltenborn konstatiert entscheidende Differenzen zwischen einem Verlust von Ich-Grenzen im Internet und der phänomenologischen Auffassung, dass ich mir als Akteurin meiner Handlungen immer auch fremd bin. Das Kriterium bildet der Körper. Phänomenologisch interessante Aspekte wie Verletzlichkeit oder Unverfügbarkeit des Körpers fehlen, so Kaltenborn, im Internet. Aktivitäten in diesem Medium geraten damit zur Flucht vor einer Kontingenz, die sich in der Leiblichkeit des Menschen manifestiert. Gegen Sherry Turkle, die im Internet nach neuen therapeutischen Möglichkeiten sucht, liest Kaltenborn die Verfremdungen im Maskenspiel als Symptom psychischer Störung.

Was liegt näher, als sich beim Thema Internet auch mit den Windows zu beschäftigen, jenen "Fenstern", die uns zumeist den Einstieg in das weltweite Netz vorgeben? Ausgehend von Leon Battista Albertis Metapher vom Bild als eines geöffneten Fensters, widmet sich Lambert Wiesing in seinem medienphänomenologischen Beitrag einem Vergleich zwischen den Fenstern eines Hauses, dem Fernseher und den allseits bekannten Windows auf unseren Computerbildschirmen. Bei allen drei wird durch etwas hindurch auf etwas anderes als es selbst geblickt, doch zeigen sich Unterschiede je nach Gegebenheitsweise des gesehenen Gegenstandes. Dies lässt Wiesing zum Schluss kommen, dass Windows sowohl Bilder als auch Fenster sind: "Fenster, weil sie etwas zu sehen geben, was präsent ist, und Bilder, weil sie etwas zu sehen geben, das man ausschließlich sehen kann".

Herbert Hrachovec schließlich beginnt seine vor allem phänomenotechnisch motivierten Betrachtungen zum Internet bei einer Funktionsstörung. Eine plötzlich aufgetretene Unerreichbarkeit der Homepage des Journal Phänomenologie wird zum Ausgangspunkt von Überlegungen zur technischen und philosophischen Rolle von Namen im Internet. Hrachovec plädiert für eine Einbeziehung der Erfahrungen des Technikers / der Technikerin in die Lebenswelt der UserInnen. Das führt zu einer Verschiebung in der Fragestellung nach Identität. Nicht mehr die Identität der BenutzerInnen steht im Zentrum, sondern jene der Maschinen. Entgegen vielfach beschworenen Verflüssigungstendenzen von Identität im Internet zeigt sich ein Netz fester Bedeutungen (Referenzen), dessen Funktionsweise in genetischer, d. h. die Modellierungen des Technikers / der Technikerin einbeziehender Hinsicht erst zu beschreiben ist. Hrachovec setzt einem phänomenologischen Vorgehen eine sprachanalytische Praxis entgegen, um auf Desiderate in der philosophischen Annäherung an das Phänomen Internet hinzuweisen. Dazu gehört das Nachdenken über den Abstand zwischen alltäglichem Sprachgebrauch und technischem Fachjargon ebenso wie eine Reflexion über die Leistungsfähigkeit des Begriffs "Lebenswelt" angesichts neuartiger Erfahrungen.

Das Internet ist Teil unserer Lebenswelt geworden. Eine Auseinandersetzung mit ihm ist unumgänglich. Neben neugierigen Annäherungen an das technische Phänomen beinhalten die hier versammelten Beiträge auch kritische Stellungnahmen, was allein angesichts einer hinlänglich bekannten, teilweise schier uferlosen Begeisterung für eine doch recht "simple[] Romantik von grenzenloser Freiheit und [...] universale[r] Verbundenheit aller mit allen" (Sassen 1997, S. 234) gerechtfertigt ist. PhänomenologInnen haben also allen Grund, sich diesem Phänomen in all seiner Vielschichtigkeit zu widmen.

Literatur

Broeckmann, Andreas (1997): "Medienökologie und Ästhetik der Heterogenese", in: nettime (Hg.): Netzkritik. Materialien zur Internet-Debatte. Berlin: Edition ID-Archiv, S. 186-200.

Lovink, Geert und Schultz, Pit (1997): "Anmerkungen zur Netzkritik", in: Stefan Münker / Alexander Roesler: Mythos Internet. Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 338-367.

Sassen, Saskia (1997): "Cyber-Segmentierungen. Elektronischer Raum und Macht", in: Stefan Münker / Alexander Roesler: Mythos Internet. Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 215-235.

Sengers, Phoebe (1997): "Fabrikation der Subjekte. Verdinglichung, Schizophrenie und Künstliche Intelligenz", in: nettime (Hg.): Netzkritik. Materialien zur Internet-Debatte. Berlin: Edition ID-Archiv, S. 127-140.

Waldenfels, Bernhard (2000): "Experimente mit der Wirklichkeit", in: Sybille Krämer (Hg.): Medien, Computer, Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und Neue Medien. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2. Aufl., S. 213-243.

© 2001 by Ulrike Kadi und Silvia Stoller

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