Journal Phänomenologie

 

 
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Journal Phänomenologie / Texte / Rezension JPh 14/2000
 
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Rezension

Ralf Elm / Kristian Köchy / Manfred Meyer (Hg.): Hermeneutik des Lebens. Potentiale des Lebensbegriffs in der Krise der Moderne. Freiburg, München: Alber 1999. 338 Seiten, ISBN 3-495-47886-8.

Weitreichende Krisisdiagnosen und entsprechende Therapievorschläge scheinen von jeher konstitutiv für ein epochales Selbstverständnis zu sein, doch ist es insbesondere die Philosophie der Moderne, die sich auf der Suche nach einer verlorenen Kompetenz durch die reflexive Kompensation von Über- und Untergangsszenarien zu definieren sucht. Nach Meinung der Herausgeber des vorliegenden Bandes sei die gegenwärtige Situation durch ein unversöhnliches Nebeneinander von ästhetisierendem Postmodernismus einerseits und moralisierendem Universalismus andererseits gekennzeichnet, die "im Prozeß der Moderne Potentiale einer spezifischen Bedrohung (entdecken) und [...] den eigenen Ansatz als angemessene philosophische Reaktion (verstehen)" (S. 1). In einer akribischen Rekonstruktion des Stereotyps neuzeitlicher und moderner Ambiguität von Einheit vs. Vielheit, Norm vs. Faktum, Form vs. Freiheit oder Sein vs. Werden entlarvt die Einleitung jedoch selbst die Bemühungen der Apelschen Transzendentalpragmatik oder eines vermeintlich heterogenen Pluralismus à la Lyotard als konsequent verlängerte Erfüllungsgestalten einer technologisch-ökonomischen "Über- und Unterbietung des Lebens" (S. 18). Angesichts dieser systematischen Konstellation einer permanent gewordenen Polarisierungskrise finden sich hier zehn Beiträge vorwiegend jüngerer Wissenschaftler versammelt, die sich unter dem Titel einer 'Hermeneutik des Lebens' der intensiven Re-Lektüre exemplarischer Ansätze gewidmet haben, um dort angelegte Vermittlungsversuche aufzuspüren.

Den Auftakt macht eine Interpretation der Freiheitsschrift Schellings durch Sven Jürgensen, die aber mit der These von der 'Lebendigkeit' als Prinzip der Philosophie ausschließlich dem textimmanenten Problem- und Argumentationshorizont verpflichtet bleibt. Im Ausgang von Musils 'perspektivischer Verkürzung' des Lebens durch die Erzählung1 wendet sich Thomas Erne in seinem Beitrag dem Vorschlag Kierkegaards zu, angesichts moderner Kontingenzerfahrung Wirklichkeit "als Resultat subjektiver Aneignung zu begreifen", sodass die Selbsterzeugung des Einzelnen zum "Kriterium der gesellschaftlichen Entwicklung" (S. 48) gemacht werde. Zwar gehöre Kierkegaards Einspruch gegen Hegels begriffliche Totalisierung zu den eindringlichsten Zeugnissen der anthropologischen Grundsituation, doch lasse die "negative Zuspitzung der Existenzdialektik [...] den Blick für konkrete Lebensformen vermissen" (S. 57). Hier versucht Erne die spannungsvolle Synthese von Freiheit und Notwendigkeit, Zeit und Ewigkeit, Leib und Geist als 'exzentrische Positionalität' (H. Plessner) zu begreifen, die das Leben nicht als radikales Entweder-oder sondern in seiner Mehrdimensionaliät eines Sowohl-als-auch zur Welt hin öffnet. Plausibler zeigt sich dies aber in Merleau-Pontys indirekter Thematisierung des Lebens über dessen 'Deckbegriffe' Wahrnehmung, Verhalten, Beziehung zum Anderen. Antje Kapust stellt dabei seine implizit ethischen Bemühungen um ein nicht-dualistisches Sinnpotenzial als 'konkrete Metaphysik' in den Vordergrund: "Das Leben muß als Ausdruck eines neuartigen Ineinanders von Natur und Geist, Realem und Idealem betrachtet werden, der [...] in einen Chiasmus von Sens et Non-Sens bzw. von Sichtbarem und Unsichtbarem überführt wird" (S. 218).

Die problematische Transformation der Tradition steht auch im Hintergrund von Reinhard Loocks Aufsatz über "Nietzsches dionysische Konzeption des Lebens" (S. 65). Dessen Auseinandersetzung mit Schopenhauer in der Wendung von Artistik gegen Moral, von der Verneinung zum 'Amor fati' vollziehe sich in einer Modifikation der Kontiguität vom Leben als Leiden: So reformuliert Nietzsche das Reproduktionsverhältnis von Wille und Vorstellung zur affirmativen Produktion von Schein, in dem sich Kreativität als Kompensation rechtfertigt. Aber erst die "Auflösung des Ansich in die als ursprünglich angesetzte Perspektivität des Lebens" (S. 85) im interpretativen 'Willen zur Macht'-Geschehen bedeute die vollständige Verwandlung der Schopenhauerschen Formeln. Behutsamer als bei Nietzsche gelte die Bemühung Diltheys einer "Begründung des Denkens selbst vom Leben her, das es grundsätzlich nicht begründen kann" (S. 104). Der akademisch bereits 'etablierte' Werner Stegmaier stellt den auf den ersten Blick unübersichtlichen Ansatz als programmatischen Versuch der 'Entparadoxierung' von Logik und Leben vor.2 Zwar gibt Stegmaier treffende Einblicke in die wechselnden Ansätze jener psychologisch-hermeneutischen Vernunftkritik, doch bleibt er -- wie sein Protagonist -- eine konsistente Systematisierung schuldig.

Dass man im "Ozean des Lebens" leicht ins Schwimmen gerät, beweist auch der Beitrag Kristian Köchys über Bergsons "Suche nach der natürlichen Ordnung" (S. 117), die er mit den klassischen 'Kristallwelt'-Konzeptionen Platons und Kants kontrastiert. Gegen ein einseitig räumliches und intellektualistisches Erklärungsmodell nehme Bergson an, "der Mensch verfüge über eine jenseits der Grenzen des Intellekts liegende Zugangsform zur Wesensordnung der Welt" (S. 133) und ihrer schöpferischen Dynamik. Leider verliert sich die breit angelegte Studie im Netz philosophiehistorischer Andeutungen, die zwar interessant für die geistesgeschichtliche Verortung, aber wenig klärend für das (Miss-)Verständnis der 'Intuition' als vermeintlich un(ver)mittelbare Methode sind. Deren angestrebte Verschränkung diskursiver Reflexion und instinktiver Sympathie wird somit lediglich als löbliches, aber gescheitertes Unternehmen angesehen, ohne konkretere Lösungsvorschläge anzubieten.3 Hier böte sich der Ansatz Georg Simmels an, der stets die Wechselwirkung von Form und Inhalt als symbolische Vermittlung des Lebens betonte. Werner Jung konzentriert seine Interpretation aber auf den Diagnostiker und Therapeuten der frühen Moderne, wie sie sich im hektischen Tempo und den ästhetischen Moden der Großstadt herauskristallisiert: Am Beispiel des Geldes und seiner Auswirkungen zeige Simmel, wie sich Substanz in Funktion auflöst und dabei den Stil der Kultur modifiziert. Zu Recht weist Jung darauf hin, dass Simmel nicht auf die Seite der Untergangspropheten eines universalen Entfremdungs- und Verblendungszusammenhangs gehört, sondern vielmehr die ambivalente Bedeutung von Objektivierung und Differenzierung für die Emanzipation des Einzelnen herausstellt. Mithin sei die 'Koketterie' mit allen Dingen "eine unter den Bedingungen der Moderne angemessene Form des Lebens" (S. 171).

Das systematische Grundproblem Heideggers thematisiert Ralf Elm anhand der frühen Freiburger Vorlesungen, die eine vielschichtige Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Konstellationen dokumentieren. In der dortigen 'Lebensphänomenologie' sei bereits das durchgängige Motiv der 'Ursprünglichkeit' und der damit einhergehenden Verschiebungen initiiert. Elm stellt eine "tiefe Ambivalenz in Heideggers Faktizitätsdenken" (S. 176) fest, das im Rückgang auf situativ-welthaftes Leben die Aporien der philosophischen Legitimationskrise zu reformulieren versucht, dabei aber die 'Spontaneität des lebendigen Selbst' transzendental überlastet und "bei aller Transformation zur Existenz und entsprechender Abwendung vom Systemgedanken noch nicht wirklich lebensdezentriert" (S. 209). Nun aber Heideggers (selbst-)therapeutischem 'Ereignisdenken' -- das einen "integralen Lebensbegriff" wie eine "implizite Normativität" (S. 211) einschlösse -- zu folgen erscheint mir nicht zwingend.

Blumenbergs Distanz zu Heidegger und ein "gebrochenes Verhältnis gegenüber der klassischen Lebensphilosophie" (S. 246) steht im Hintergrund von Philipp Stoellgers Studie zur Metaphorologie des Lebens. Dessen 'Lesbarkeit' wird von Autor und Interpret allerdings mehr als ausgeschöpft: Auf 44 Seiten buchstabiert sich Stoellger durch Blumenbergs polyglottes Sprachspiel einer "nur im Vollzug und nur als Vollzug" (S. 245) zu entdeckenden Lebensform. Im phänomenologischen Nach- und Durchgang symbolisch-rhetorischer Lebenswelten zeige sich dabei die 'Begründungsunbedürftigkeit' am Abgrund radikaler Fraglichkeit, die Blumenberg durch 'Remetaphorisierung' der klassischen Antworten de-eskaliert.

Abschließend versucht Manfred Meyer den weiten Bogen noch einmal zurückzuschlagen, indem er ausgehend von Husserls Krisis-Abhandlung die "Vorgeschichte der modernen Suche nach dem Leben" (S. 289) verfolgt. Mit gewaltigem Aufwand identifiziert Meyer eine mit Galilei einsetzende Inversion, in der das Natürliche aufhöre, "legitimierender Rückhalt für das leiblich und traditional Überkommene und Übernommene zu sein" und sich als "Konventionalisierung und Technisierung aller Lebensbereiche" (S. 315) einführe. So bleibe auch das transzendental-phänomenologische Projekt noch in die Dialektik von Leben und Wissenschaft, Natur und Kunst verstrickt.

Trotz der größtenteils gelungenen Rekonstruktion einschlägiger Perspektiven im Hinblick auf eine 'Hermeneutik des Lebens' stehen die Abhandlungen recht unverbunden nebeneinander, da sie sich nicht entscheiden können, ob sie Aspekte einer systematischen Antwort auf die Krise der Moderne explizieren oder historische Exempel für Lebens-Philosophien statuieren wollen. Zudem überfordern einige der Beiträge durch extreme Ausführlichkeit -- und nicht selten Langatmigkeit -- das kritische Potenzial des gewählten Ansatzes. Mehr Prägnanz in der Argumentation und weniger epische Mimesis hätte der Übersichtlichkeit der hier diskutierten Positionen nicht geschadet. Für sich genommen stellen die Artikel wertvolle Beiträge zur jeweiligen Forschungssituation oder konzise Abrisse eines philosophischen Gesamtentwurfes dar -- ohne eine integrative Auseinandersetzung bleibt der ambitionierte Titel des Sammelbandes aber leider bloßes Schlagwort.

Thomas R. Wolf, Frankfurt/Main

Anmerkungen

  1. Vgl. Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften, hg. von Adolf Frisé, Hamburg: Rowohlt 1970, S. 647 ff.

  2. Siehe auch Werner Stegmaier: Philosophie der Fluktuanz: Dilthey und Nietzsche, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1992.

  3. Zu diesem Problem vgl. bereits die aufschlussreichen Dissertationen von Roman Ingarden: "Intuition und Intellekt bei Henri Bergson", in: Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung 5 (1922), und Josef König: Der Begriff der Intuition, Halle/S.: Max Niemeyer 1926 (Nachdr. Hildesheim: Olms 1981).

© 2000 Thomas R. Wolf

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14.05.2008
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