Journal Phänomenologie

 

 
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Journal Phänomenologie / Texte / Schwerpunkt-Einleitung JPh 13/2000
 
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Zu den Zeichen selbst: Der Sinn der Bedeutung

Helge Schalk (Bochum)

"Die Bedeutung eines Wortes ist das, was die Erklärung der Bedeutung erklärt."
Ludwig Wittgenstein

An kaum einem anderen Begriff läßt sich der Übergang des philosophischen Denkens zur Moderne so gut nachvollziehen wie am Bedeutungsbegriff. Zeichen ohne Bedeutung sind der philosophischen Tradition inhaltsleere Formen; um ihre Funktion als Zeichen erfüllen zu können, müssen sie auf einen Gegenstand referieren. "Der Begriff, der durch ein Wort oder Zeichen erreget werden soll", so bestimmt das Wörterbuch von Adelung 1793 die Bedeutung der Bedeutung. Die dahinter stehende Zeichenlogik ist zweidimensional, denn der Ausdruck scheint nicht mehr als ein Abdruck dessen zu sein, was er bedeuten oder evozieren soll. Differenzierungen wie Sinn/Bedeutung (Frege), Wert/Bedeutung (Saussure), Meinung/Bedeutung (Weinrich) tragen erst im 20. Jahrhundert dem Umstand Rechnung, daß sich Zeichen nicht nur auf einen Gegenstandsbereich, sondern auch auf einen Adressaten und dessen Interpretation beziehen.

Die Sprachwissenschaft muß auf den Bedeutungsbegriff nun nicht radikal verzichten, um eine Theorie der Differenz zwischen dem einen Referenzobjekt und den vielen Interpretationen eines sprachlichen Zeichens vertreten zu können. Sie kann sich vorläufig mit dem Oppositionspaar Denotation/Konnotation beruhigen, ohne dabei das Problem zu lösen, die Konnotationen eines Zeichens letztlich auf der Denotation dieses Zeichens aufruhen lassen zu müssen - keine Konnotationen ohne Denotation, kein Sinn ohne Bedeutung.

Erst eine dreiwertig angelegte Zeichenlogik, wie sie Peirce aufgestellt hat, kann Differenzierungen wie diese überwinden. Objekt-, Zeichenträger- und Interpretantenbezug konstituieren nur zusammen genommen die Bedeutung eines Zeichenkomplexes. Die so erreichte semiotische Transformation der Erkenntnistheorie gewinnt mit Peirce eine in der Folge immer stärker akzentuierte kulturtheoretische Ausrichtung: Kulturelle Codes konstituieren eine Beziehung der Signifikation. Diese Einsicht definiert den gemeinsamen Ausgangspunkt sowohl des angelsächsischen als auch des kontinentalen Nachdenkens über Bedeutung bis heute. In der Nachfolge Peirces macht die Signifikationsbeziehung - etwa in Ecos dialektischer Kultursemiotik - im übrigen wiederum nur eine Seite der Bedeutungsbeziehung aus. In alltäglicher Kommunikation wird ein Zeichenkomplex ebenfalls durch individuelle Interpretationen angereichert; soziale Signifikationssysteme werden qua Interpretation beständig transformiert. Bedeutung ist hier also ein Zusammenspiel aus strukturellen und individuellen Mechanismen. Die Bedeutung der Bedeutung liegt in der Differenz. Sie "ist" diese gewissermaßen; sie ist Struktur und Interpretation zusammengenommen.

Auch die kontinentale Tradition bemüht sich mehr und mehr um die Abgrenzung von einer strukturalistischen Erklärung des Differenzphänomens "Bedeutung". Dies zeigt sich an der Auseinandersetzung mit Saussure und Frege, am Versuch, die Sprache phänomenologisch in den Blick zu nehmen, und an dem Bemühen, sie auch als ästhetisches Phänomen zu begreifen. Vor allem den kontinentalen Kontext nehmen die drei Beiträge dieses Schwerpunkts in den Blick.

Heute kennt die Alltagssprache zwei Bedeutungen des Bedeutungsbegriffs, und zwar, semiotisch gesprochen: Wert und Referenz. Und wie bei anderen Begriffen aus dem Umfeld der Sprachtheorie und Hermeneutik verbinden sich beide Bedeutungen seltsam miteinander, so daß das Begreifen der Bedeutung eines Zeichens emphatisch als richtiges Begreifen deklariert wird. Ein Grund mehr, in einem Schwerpunkt nach der Bedeutung der Bedeutung zu fragen. "... willst du den Gebrauch des Worts ,Bedeutung' verstehen, so sieh nach, was man ,Erklärung der Bedeutung' nennt." So lautet die Fortführung des Wittgenstein-Zitats, das mit dem Dilemma spielt, daß die Erklärungen des Bedeutungsbegriffs auf ein Konzept von Bedeutung immer schon zurückgreifen - daß sie also voraussetzen, was sie definieren wollen.

Mit dem Problem der Bedeutung eröffnen sich - dies zeigen die Schwerpunktbeiträge deutlich - sowohl hermeneutische als auch phänomenologische Fragestellungen, denn "Bedeutung" als lediglich sprachinterne Problematik rein strukturalistisch zu erklären, wäre reduktionistisch. Georg W. Bertram (Gießen) zeigt dies nachdrücklich, indem er Quines und Sellars' Positionen darstellt und eine linguistisch-epistemische Zugangsweise konturiert, die Fragen der Zugänglichkeit der Welt in den Blick nimmt. Zugleich wird Derridas Kritik an Husserls Sprachauffassung erörtert, mit Blick auf die mögliche These, daß der Bedeutungsbegriff die Phänomenologie "sprengt".

Andreas Gelhards (Bochum, Frankfurt/Main) Beitrag nimmt das Phänomen "Bedeutung" aus literarischer Perspektive in den Blick. Im Zentrum der sich von Sartre absetzenden Überlegungen Blanchots - insbesondere zur Poesie Mallarmés - steht die Frage nach einer in der Sprache sich verwirklichenden Bedeutung, die sich gerade nicht dem Traum verdankt, die Dinge beim Namen zu nennen. Daß Referenz und Differenz nicht zwei unterschiedliche, einander unversöhnlich gegenüberstehende Ansätze in der Sprachwissenschaft markieren dürfen, macht Eva Waniek (Wien) in ihrem Beitrag deutlich. Saussure und Frege werden als Begründer der modernen Sprachwissenschaft vergleichend analysiert und liefern den Ansatzpunkt zu einer Bedeutungskonzeption jenseits der Differenz der Differenzen.

Ich hoffe, daß wir mit der Auswahl der Aufsätze für alle Leserinnen und Leser interessante und weiterführende Beiträge zusammenstellen konnten. Über ein Feedback freut sich die Redaktion - wie immer - sehr.

© 2000 by Helge Schalk

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down ISSN 1027-5657 JPh Logo
14.05.2008
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