Journal Phänomenologie

 

 
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Journal Phänomenologie / Texte / Rezension JPh 13/2000
 
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Rezension

Mikkel Borch-Jacobsen: Lacan. Der absolute Herr und Meister. Übers. v. K. Honsel. München: Fink 1999. 269 Seiten, ISBN 3-7705-3229-5, DM 68,–.

Mit der Übersetzung von Mikkel Borch-Jacobsens Buch über Jacques Lacan (Original: Lacan: le maître absolut, Paris, Flammarion 1990) liegt nun eine weitere Arbeit über das Werk des französischen Psychoanalytikers im deutschen Sprachraum vor. Es ist damit ein erneuter Versuch gemacht worden, dem als verschlüsselt geltenden Werk Jacques Lacans eine einführende Sekundärstudie beiseite zu stellen. Daß dies entgegen den wohl eher ironisch zu verstehenden Worten der Vorbemerkung ("Eine allgemeine Einführung in das Denken von Jacques Lacan" wolle der Autor geben, "lediglich einige Lesehilfen, Schlüssel für dieses oder jenes Schloß" anbieten) alles andere als eine unterwürfige Huldigung des "Meisters Lacan" oder brave Textexegese seiner Schriften werden soll, wird sehr bald klar. Erfährt man doch schon wenige Seiten weiter über Lacan, er sei ein "Genie der Anverwandlung", ein "begnadeter Autodidakt", "unglaublich behende, wenn es darum ging, sich die Gedanken anderer zu eigen zu machen", und diese Einsicht Borch-Jacobsens sich bald zur Feststellung verdichtet, daß Lacan ein Denker war, "der, in der Tat keinen wirklich eigenen Gedanken hatte" (S. 12). So scheint Borch-Jacobsen in seinem Versuch, den Meister vom Sockel zu stoßen, konsequenterweise auch seine Hauptaufgabe als Interpret darin zu sehen, die zahllosen, mehr oder weniger expliziten Lehren Lacans bei anderen Denkern auszuweisen und zu korrigieren, den Katalog des gedanklichen Diebesguts, das sich Lacan in seiner langen Laufbahn angeeignet haben soll, zu erstellen, indem er die Entwicklung Lacans von den Anfängen seiner Studien über die Paranoia und das Spiegelstadium in den dreißiger Jahren bis zur Vollblüte des Konzepts der symbolischen Ordnung in den Seminaren bis Mitte der sechziger Jahre begleitet.

Mikkel Borch-Jacobsen erweist sich dabei sowohl als genauer Kenner dieser Etappe des Lacanschen Werks als auch der Denker, die ihn beeinflußt haben, insbesondere Hegels und Kojèves, deren dialektischen Grundgedanken er in allen Phasen des "Hyper-Kojèvianers" und des "Freudo-Hegelianers", der Lacan für Borch-Jacobsen ist, widerhallen sieht und deren Wurzeln aufzuzeigen er nicht müde wird.

So sind vor allem die ersten beiden Kapitel mit ihren vielfältigen Hinweisen, wie Lacan sich der Werke Kojèves, Hegels und Heideggers bediente, um sie für seine eigene Zwecke zu ge- oder mißbrauchen, für an Lacan philosophisch interessierte Leser eine sehr nützliche Lektüre. Hervorzuheben ist die Beharrlichkeit, mit der Borch-Jacobsen die Subjekttheorie Lacans bis hin zu ihren Wurzeln bei Heidegger und letztlich bei Descartes verfolgt, sowie seine strenge Relektüre der diversen lacanschen "Lösungen" des Ödipuskonflikts. Ebenfalls zu erwähnen ist die Genauigkeit, mit der es Borch-Jacobsen gelingt, Lacan mit seinen eigenen Worten eine affektive Identifizierung, die der imaginären Identifizierung vorgängig ist, unterzuschieben. Hierin zeigt sich Borch-Jacobsen nicht nur als genauer Leser Lacans, sondern auch als ein hartnäckiger und ernst zu nehmender Kritiker; was aber als eine konstruktive philosophische Auseinandersetzung mit dem zweifellos streitbaren Denker Lacan beginnt, wächst sich in der Folge des Buches leider zu einer immer fulminanteren Totalabrechnung mit dem "Herrn und Meister" Lacan und seiner Lehre aus, die auch vor "Argumenten" mit oder gegen seine Person nicht halt macht.

War es gerade das minutiöse Aufspüren der Einflüsse, die Lacan in sein Werk einarbeitete, und die Zielsicherheit mit der es Borch-Jacobsen gelang, den oft mit seinen Quellen sehr großzügig umgehenden Lacan festzumachen, die das Buch für Leser, die bereits Bekanntschaft mit dem Denken Lacans gemacht haben – für Anfänger ist es wohl ohnehin nicht geeignet – zu einer lehrreichen Studie machen kann, so geht viel dieser Stichhaltigkeit in den immer gröber werdenden Attacken gegen Lacan und der im weiteren Verlauf zunehmend polemischeren und blindwütigeren Ausrichtung des Buches unter. So können in Borch-Jacobsens Intention, die manchmal an Besessenheit grenzt, Lacan im Ganzen zu destruieren, viele seiner Kenntnisse über sein Werk nicht mehr urbar gemacht werden, und seine vorerst noch präzise Kritik büßt dabei an Triftigkeit ein. Genau diese vormalige Schärfe des Kritikerblicks geht Borch-Jacobsen zum Beispiel abhanden, wenn er in dem Kapitel "Der Zauberer und seine magische Kunst" Lacan als einen "Psychoanalytiker-Magier" bezeichnet, der danach trachtet, einen "neuen wissenschaftlichen Mythos" zu schaffen, eine "Art neue Religion des Symbolischen" zu entwerfen, und er, ihm "symbolische Suggestion" unterstellend, offensichtlich von der Furcht getragen ist, daß sich die "Sektenbildung" der Lacanschen Lehre über das Behandlungszimmer ausdehnen und sich "das wissenschaftliche Delir, das die Psychoanalyse darstellt, auf die ganze Gesellschaft ausweiten" könnte (S. 186).

Schwerer als diese polemischen Entgleisungen wiegt aber, daß die Absicht, so lauter sie auch scheinen mag, der "Entzauberung" Lacans durch den Versuch, ihn über die kleine philosophische Münze zu beugen, und die Korrektur seiner schulphilosophischen Ungereimtheiten (in der sich wohl auch ein wenig der Neid des Professionellen vor dem Mut und der Unbekümmertheit des Autodidakten spiegelt) daran scheiterte, daß die vordergründige Ablehnung Borch-Jacobsen den eigentlichen Ausgangspunkt Lacans verfehlen läßt (nämlich die psychoanalytische Praxis) und er damit jenes aus den Augen verliert, was das eigentliche Terrain Lacans leidenschaftlicher Theoretisierung bildete. Indem er die Originalität Lacans auf diesem Gebiet völlig negiert, bleibt es ihm auch verschlossen, und somit kann er es dem Leser auch nicht vermitteln , zu welchem Zwecke Lacan seine philosophischen Lektüren benutzte, behält er nur deren lose und oft unpassende Bruchstücke zurück. Weil ihm das eigentliche Zentrum der Lacanschen Lehre entgeht, liegt seine Kritik – trotz des hohen schulphilosophischen Niveaus, das Borch-Jacobsen zweifelsohne zu attestieren ist – auf seltsame Weise "daneben". Es bleiben seine zum Teil stichhaltige Einwände auf der Strecke, da es ihm nicht zu zeigen gelingt, wozu man – bei all ihrer Problematik – die einzelne Instrumente und Strukturen, die Lacan zur Theoretisierung der Psychoanalyse vorgibt, verwenden könnte, und da er die Lacanschen Theoreme in toto als philosophisch unhaltbar – weil plagiiert – verwirft und so eine kritische Auseinandersetzung mit ihnen im einzelnen vorab verunmöglicht.

Als weiterer Kritikpunkt wäre wohl auch die völlige Ausblendung des Spätwerks zu erwähnen, nicht weil jede gute Rezeption notwendigerweise vollständig sein muß, sondern weil, was bei Borch-Jacobsen Zielpunkt seitenlanger Kritik war, etwa seine Diskussionen um das volle und das leere Sprechen, oder die rein im Symbolischen angesiedelte endlose Dialektik des Begehrens in der Analyse, von Lacan später entweder ganz verlassen wurde oder einer Revidierung zugunsten eines anderen Gravitationspunktes seines Werks unterzogen wurde; zum Beispiel einer vordergründigen Thematisierung der Kategorie des "Realen" und des "Genießens".

So erscheint das Buch von Borch-Jacobsen nach Meinung des Rezensenten als das Beispiel einer – bei aller fundierten Text- und Quellenkenntnis – unglücklichen Rezeption, da es sich der Autor durch seine rein ablehnende Haltung verbaut, einen Zugang zum Werk Lacans zu gewinnen und keinen Einstieg in oder Ausblick über das vielseitige Denken Lacans zu geben vermag. Ebenso wenig gelingt es ihm, Hinweise für die mögliche Verwendung der Arbeiten Lacans in klinischer, ästhetischer oder politischer Hinsicht zu geben. Keine Erwähnung findet etwa die ganze Problematik der Geschlechterdifferenz bei Lacan (die den "Mann" Borch-Jacobsen offensichtlich weniger angeht als die eigene philosophische Kränkbarkeit); kaum Erwähnung findet die Entwicklung der Theorie des Objekts a bei Lacan, vom imaginären Andern bis zur unspiegelbaren und unaussprechlichen Ursache des Begehrens, das zum Verständnis von Lacans Werk so wichtig ist. Vielmehr läuft Borch-Jacobsens Buch durch die "nihilistische" – im wahrsten Sinne des Wortes (ist doch für Borch-Jacobsen in treu kojèvianischer Manier das Begehren des Menschen, da restlos objektlos, letztlich Begehren nach nichts) – Lektüre, die er Lacan angedeihen läßt, und in seinem einzigen Ansinnen, Lacan zu entgegnen (welche symbolische oder reale Befriedigung er auch daraus zog), Gefahr, selber zu einer Fußnote in der Lacan-Rezeption zu werden, da seine Kritik, anstatt konstruktive Lesehilfen aufzuzeigen, im Kampf der Fußnoten untergeht.

Wenn es auch stimmen mag, daß man von seinen Feinden genauer gelesen wird als von seinen Freunden, eine Ansicht, der sich Lacan zumindest anschloß (Seminar XX, S. 71f.), so trifft dies auf Borch-Jacobsens Lacan-Lektüre nur teilweise zu, der zwar ebenfalls in vielen Punkten eine philosophisch hochkarätigere Interpretation bietet, als dies mancher allzu werktreuen Einführung gelang, der aber durch die allzu grobe Polemik, zu der er sich schließlich hinreißen ließ, sich jeder Chance begeben hat, ein wirklich gefährlicher Gegner zu werden.

Resümierend läßt sich über dieses Buch aber doch sagen, daß es ein wenigstens intensives Zeugnis ablegt, zu welchem hohen Grade auch heute Lacans Œ (zumindest in bestimmten Kreisen) immer noch ein Moment des Ärgernisses bilden kann und den Ausgangspunkt vielfältiger philosophischer Auseinandersetzungen liefert, sowie die Phalanx der unermüdliche Versuche nach sich zieht, ihm philosophisch die Stirn zu bieten.

© 2000 Klaus Ebner, Wien

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15.09.2013
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