Journal Phänomenologie

 

 
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Journal Phänomenologie / Texte / Rezension JPh 13/2000
 
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Rezension

Dermot Moran: Introduction to Phenomenology. London, New York: Routledge 2000. 568 Seiten, ISBN 0-415-18372-3 (-1 Paperback), £ 16,99 (Paperback), £ 50,– (Hardcover).

Ursprünglich und in erster Linie Antike-Experte, hat der Ire Dermot Moran, Professor am University College in Dublin, nun eine beeindruckende neue Einführung in die Phänomenologie vorgelegt, die sich mit Fug und Recht als "neuer Spiegelberg" bezeichnen darf. Nicht nur behandelt Moran die wichtigsten Denker der – im weiteren Sinne – phänomenologischen Bewegung, von Brentano bis Derrida (wobei man sich fragen kann, was Gadamer und Arendt in dieser Liste zu suchen haben). Auch ist Morans Darstellung von vorbildlicher Klarheit und großer stilistischer Eleganz. Vielleicht gerade weil der Autor aus einem anderen philosophischen Gedankenkreis kommt, gelingt es ihm, die nötige Distanz zu wahren und die nicht immer "evidenten" Gedankengänge der Phänomenologen (aller Ankündigungen zur "Selbstevidenz" zum Trotz) in Luzidität und Prägnanz nachzuerzählen, nicht ohne jedoch angebrachte Kritik zu üben, die sich bisweilen auch in verhaltener Ironie zu Wort meldet. Dabei bleibt Moran aber stets sachlich und seinen Autoren in Sympathie zugetan.

Der Behandlung der einzelnen phänomenologischen Figuren ist vorangestellt eine systematische Einführung, in der die Haupt-Topoi der Phänomenologie vorgestellt werden: das Paradigma der Vorurteilslosigkeit, die Inhibierung der natürlichen Einstellung, Lebenswelt und In-der-Welt-Sein, Intentionalität; aber auch ein Überblick über die historische Entwicklung der phänomenologischen Bewegung von dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts an bis zur gegenwärtigen Phänomenologie in Frankreich. Die Kapitel über einzelne Philosophen sind jeweils analog angeordnet und beginnen mit einer biographischen Skizze der thematischen Person. Diese biographischen Darstellungen, die die vermeintlich weltlosen Denker in ein verwobenes Netzwerk von Beziehungen aller Art einordnen, scheinen mir besonders hilfreich zur ersten Orientierung für den Laien. Hierbei gelingt es Moran auf virtuose Weise, Historisches und Biographisches so zu verquicken, daß man niemals "bloß" Zeitgeschichtliches liest, sondern gleichzeitig einen Einblick in das geistige Milieu der Personen und Umstände erhält. Zu den philosophischen Darstellungen ist nicht mehr – aber auch nicht weniger! – zu sagen, als daß sie richtig, klar und nachvollziehbar sind. Was könnte man Besseres über einen Einführungstext sagen? Der Autor scheut sich nicht, vermeintlich "tiefste Wahrheiten" auf einfache Weise zu bezeichnen, und auch nicht, bisweilen über des Kaisers neue Kleider zu schmunzeln. Die nachvollziehbare Gliederung erlaubt es dem Leser auch, mitten in ein Kapitel zu springen und zu lesen, was es etwa mit Merleau-Pontys Spätphilosophie auf sich hat, ohne in der Luft zu schweben, weil man das Vorangegangene nicht gelesen hat, worin der Autor eine besondere, eigenständige Interpretation vorlegt, – ein Problem, mit dem viele Einführungen, v.a. in die Phänomenologie, zu kämpfen haben, die den Focus auf ein bestimmtes Thema oder Paradigma legen und es rigide "durchziehen".

Jedes Kapitel wird beschlossen durch eine – bewußt subjektiv gehaltene – Einschätzung der Leistung ("Achievement") des Denkers. Morans kritische Urteile – etwa über Sartres redundanten Stil, jawohl! – haben etwas Frisches und eine natürliche Urteilskraft, die man in üblichen phänomenologischen Darstellungen oder Diskussionen lange nicht mehr gehört hat; dabei wird aber die subjektive Färbung der Urteile stets betont und nie mit dem eigentlich philosophischen Ertrag vermengt. Der Band wird abgerundet durch eine Bibliographie, die für jede behandelte Figur wiederum analog angeordnet ist nach 1) Werken in der Originalsprache, 2) Werken in englischer Übersetzung und 3) Forschungsliteratur. Ein detaillierter Index fehlt auch nicht (hier hätte man vielleicht Sach- und Personenindex trennen können). Zum Preis von ca. 40 D-Mark bzw. 280 Schilling ein schönes Angebot, geeignet für Einführungsseminare oder als Nachschlagewerk für den interessierten Nicht-Phänomenologen. Oder als Geschenk für interessierte Mütter, Großväter oder (neuamerikanisch) siginificant others, die schon immer einmal wissen wollten, was es mit "der Phänomenologie" auf sich hat.

© 2000 Sebastian Luft, Leuven

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15.09.2013
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