Journal Phänomenologie

 

 
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Journal Phänomenologie / Texte / Schwerpunkt-Einleitung JPh 12/2000
 
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Frieden?

Petra Gehring/Ralf Linvers (Hagen)

"Krieg ist niemals ein Ende aber immer verloren"
(Gertrude Stein)

Die Differenz von dem, was man "Krieg" oder aber "Frieden" nennt, harrt noch ihrer Phänomenologie. Wie ließe sie sich wahrnehmen? Auf der einen Seite gibt es die für opportun erklärte, organisierte Gewalt, das in Kauf genommene Grauen des Krieges. Auf dem Balkan gab es diese Inkaufnahme wieder. Man sah alle Akteure lediglich "ihrer Verantwortung gerecht werden", während dennoch niemand für den Krieg "verantwortlich" ist. Und auf der anderen Seite gibt es die stille Sicherheit des Friedens. Sie wird selten eigens vergegenwärtigt, sie ist eher ein Zustand, den man genießt und auf den willentlich zu verzichten geradezu unvorstellbar scheint.

Man kann nach dem Krieg fragen, wie nach einem Phänomen sui generis, einem fatalen Ereignis, das hereinbricht, einem Schicksal, das uns begegnet. Das Schwerpunktthema dieses Heftes heißt jedoch "Frieden?" – und auf dem Fragezeichen soll die Betonung liegen. Denn man kann den Verdacht haben, daß nicht der Krieg selbst, sondern die Unterscheidung, die den Frieden vom Krieg abtrennt, das Phänomen ist. Die Wahrnehmung des "Krieges" lebt ja von jenem merkwürdig uneingestandenen Kontrast, jener Gewißheit einer ganz anderen – eben nicht kriegerischen, sondern geradezu kriegsfeindlichen (!) – Realität des "Friedens". Nur im Frieden (ersatzweise in der Erinnerung an ihn oder in der Hoffnung auf ihn) nimmt man den Krieg als Krieg wahr. Krieg und Frieden sind Differenzbegriffe. Sie sind es aber auf eigenartige Weise, denn der Frieden, der "da" ist, ist gerade kein Phänomen, das man wahrnimmt oder problematisiert.

Ist Frieden mehr als die Abwesenheit von Krieg? Mit dieser Frage beschäftigt sich inzwischen, nachdem es lange Zeit nicht mehr als ein intensives Nachdenken über Kriegsursachen und Konfliktverläufe gegeben hat, auch eine sogenannte "Friedenserfahrungsforschung". Phänomenologisch müßte man weitergehen. Man müßte die Frage in Betracht ziehen: Inwieweit ist der Frieden überhaupt die Abwesenheit von Krieg? Vielleicht kommt man dem Kriegsphänomen mittels der Frage nach dem Frieden näher, oder genauer: mittels der Frage nach der Differenz von Krieg und Frieden, von welcher die vermeintliche Gegenständlichkeit des Krieges lebt, so als handele es sich um die phänomenologisch vertraute Differenz von Figur und Grund.

Dabei ist in modernen Zeiten der Friede paradox. Er negiert die Negation seiner selbst, er hat für sie allenfalls moralisch skandalisierende Begriffe. Modernen Anthropologien zufolge wollen alle immer nur den Frieden. Kriege "brechen aus", wie man sagt. Es scheint, als seien sie eine Krankheit der Menschheit. Kriege erscheinen stets als die Ausnahme. Sie erscheinen wie ein Irrtum, als Resultat der Verrücktheit eines Machtbesessenen oder einer Gruppe von Verzweifelten. Der Friede erscheint hingegen als die Regel. Und diese Regel ist absolut wie die Vernunft: Sie kann ihr eigenes Ende nicht denken. So kennen und beschreiben "friedliche" Mächte ihre eigene Beteiligung an Konflikten nur als Umweg zum Frieden. Dabei ist es so, daß die Differenz des Krieges schwindet. Seit man Kriege nicht mehr als Kriege förmlich erklärt, sondern nur mehr Frieden sichern will oder wie unlängst NATO und WEU nur mehr "Antworten" oder "Maßnahmen" ankündigt, also begrenzte "Operationen", die wiederum ganz der Rationalität des Friedens dienen, scheint das Kriegshandwerk verschwunden. Es wirkt wie aufgesogen in einem Kontinuum der Friedlichkeit.

So ist die Kriegsfeindschaft zweideutig. In der mitteleuropäisch "friedlichen" Wirklichkeit erscheinen Kriege stets als Kriege, die "anderswo" stattfinden. Noch wenn die Bomben auf unsere historischen und geographischen Nachbarn fallen, spricht man vom "Balkan" – ein Wort, das wie "Karpaten" klingt und eine Entfernung herbeiredet, die nicht nur auf der Landkarte nicht existiert. Und wir leben im Medienzeitalter. Da sind Kriege zwar zu sehen, aber immer distanzierbar, stets handelt es sich um von "uns" als Zuschauern beobachtete Kriege. Umgekehrt sind die meisten Friedenszustände ein Frieden, den man für anderswo einfach deshalb unterstellt, weil man in den Medien keinen Krieg zu beobachten bekommt. Hier kehrt erneut jene eigenartige Asymmetrie von Krieg und Frieden wieder, die darin auffällig wird, daß man nur den ersteren als Phänomen wahrnimmt. Krieg erweckt Aufmerksamkeit, Frieden ist kein Thema. Diese doppelte Gleichung kennen nicht nur Nachrichtenagenturen oder Initiativen wie amnesty international, index on censorship, reporters sans frontières u. a., die gegen ein Schweigen kämpfen, das um die vielen "inoffiziellen" Kriege der Gegenwart herrscht. Dieselbe unthematische Selbstverständlichkeit des Friedens macht sich auch die Politik zunutze. Sie kann zum Beispiel Zustimmung für die Beteiligung an internationalen Kampfeinsätzen einwerben, einfach dank der Suggestion, "wir", das Gros der Bürger/-innen, könnten selbst weiterhin "friedlich" bleiben, während ein wohlbezahltes Truppenkontingent in friedenserhaltender Mission marschiert. "Frieden" herrscht dennoch – und vor allem, weil wir weiterhin Zuschauer eines Grauens bleiben können, das anderswo stattfindet.

Zivile Proteste gegen "den Krieg" hat es in Deutschland während der Bombardements in Kosovo und Serbien kaum gegeben. In Österreich war das geringfügig anders. Stand kein Fragezeichen hinter unserem Frieden, in dem wir die Flüchtlinge aus dem Krieg begrüßten, während zur selben Zeit von deutschen Flughäfen aus Tag für Tag Kampfflugzeuge starteten und ihre Bomben nach Jugoslawien flogen?

Die nachfolgenden vier Beiträge zum Thema "Frieden?" sind gezielte Störversuche, die Fragezeichen setzen. Sie rütteln am Selbstverständlichen, denn sie betreffen nicht nur "den" Krieg oder "den" Frieden, sondern auch jene ungedachte Differenz, die sowohl den Krieg als auch den Frieden zu dem machten, was sie jeweils (nicht?) "sind".

Franz Kernic (Wien) problematisiert die allzu einfache Entgegensetzung von Krieg und Frieden sowie die vor diesem Hintergrund vorherrschende instrumentelle Vernunft in der Politik. Hans Joas (Berlin) und Hajo Schmidt (Hagen) reflektieren aus verschiedenen Perspektiven die Frage des militärischen Angriffs, wie sie sich der WEU und den europäischen Öffentlichkeiten im Falle des Kosovo-Krieges erstmals gestellt hat – nämlich als autonomes militärisches Eingreifen und politisch gebotene Notmaßnahme. Kann aber Krieg "ausnahmsweise" (!) ein Mittel der Wahl sein, auch im Rahmen einer friedensorientierten Politik? Kurt Röttgers (Hagen) zieht die bissige Konsequenz mit seinem grundsätzlichen Beitrag zur neuen europäischen Verteidigungsordnung: Wenn am Ende des 20. Jahrhundert Kriegsgründe punktuell moralisch legitim werden und also im Grunde vollständig kontingent, dann wäre das kleinere Übel zu wählen – etwa die blanke ökonomische Rationalität als der Wächter des Friedens. Interessen von Aktionären sind immerhin Interessen aller und, im Unterschied zu kontingenten Moralisierungen, berechen- und vorhersehbar.

Ergänzt wird der Schwerpunkt durch eine einschlägige Rezension. Auf eine Literaturliste zum Thema wurde verzichtet, denn sie hätte den Umfang gesprengt. Für den Schwung aller Beteiligten möchten sich die für den Schwerpunkt verantwortlichen Redakteure ausdrücklich bedanken. Mit dem Thema ist bewußt eine gewisse Provokation gewagt. Wir sind darauf gespannt, was sie auslöst. Mit anderen Worten: Das Journal würde sich über Zuschriften und auch über Widerspruch freuen.

© 2000 Petra Gehring und Ralf Linvers

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down ISSN 1027-5657 JPh Logo
14.05.2008
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