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Journal Phänomenologie / Texte / Archiv JPh 8/1997
 
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Geschlechterpolitik - Eine Replik von Maurice Merleau-Ponty

Der folgende Text erschien in der Wochenzeitung "L'Express", Nr. 76, vom 23. Oktober, 6. November 1954, Seite 4. Unter der Rubrik "Le Forum" wurden Anfragen von Lesern durch prominente Zeitgenossen beantwortet. Maurice Merleau-Ponty repliziert hier auf eine Anfrage von Paul Boyer aus Annecy. Aufgestöbert wurde der Zeitungsartikel durch Silvia Stoller, übersetzt und kommentiert wurde er von Regula Giuliani und Bernhard Waldenfels.

Sind Frauen Männer?

Sind Frauen Männer? Man könnte zum Schluß kommen, es sei so. Täglich vergrößern sie den Spielraum ihrer Aktivitäten in einer Gesellschaft, von der alle Soziologen einhellig sagen, sie sei eine Gesellschaft, die von Männern und für Männer eingerichtet worden ist. Warum also gelingt es den Frauen, in dieser Gesellschaft einen solch wichtigen Platz einzunehmen? Ich würde gerne wissen, ob Sie das normal finden, ob Frauen wirklich von gleicher Natur sind wie Männer und ob sie die gleichen Möglichkeiten haben.

Paul Boyer, Annecy

Maurice MerleauPonty antwortet:

Was die Fakten und die Invasion von Frauen in die Gesellschaft angeht, so kenne ich keine Statistiken, die einen Überblick gäben. Was Ihren Eindruck angeht, ich habe nichts davon bemerkt. Nun fragt sich: ist meine eigene Wahrnehmung getrübt, oder ist jene von Herrn Boyer übertrieben? Betrachten wir näher seine Argumente, um dies zu beurteilen.

Paul Boyer fährt fort: Die Soziologen behaupten, unsere Gesellschaft sei von Männern und für Männer eingerichtet. Er ficht diese These nicht an. Gewöhnlich dient sie dazu, zu zeigen, daß dort, wo das Männliche die Norm ist - wie in anderen Bereichen der Weiße und der Erwachsene -, die Frau ebenso wie das Kind und der "Farbige" zu einem anderen, zweitrangigen Wesen werden; daß viele Züge ihres tatsächlichen oder erdichteten Benehmens ein Resultat dieser Situation sind, daß selbst der Kult um die Frau sie auf sanfte Art in ihrem Käfig einschließt; daß niemand je wissen kann, was aus den Frauen werden könnte, würden sie nicht in diesem Ausnahmezustand leben; und daß schließlich die Frau, von der wir reden, unsere eigene Erfindung ist ...

Doch so versteht Herr Boyer dies nicht. Die Gesellschaft ist vom Mann und für den Mann gemacht, dies ficht er nicht an, aber ebensowenig sieht er darin etwas Abwegiges, etwas, das die Eigenschaften der Frau verfälschen könnte. Für ihn besteht die Absonderlichkeit einzig darin, daß die Frauen in einer so beschaffenen - und zudem wohlbeschaffenen - Gesellschaft vorwärtskommen. Und bevor er seine Waffen streckt, möchte er bestätigt bekommen, daß Frauen Männer sind. Doch zuvor müßte er in Erfahrung bringen, ob es nicht eine sehr lange Geschichte ist, die aus Männern und Frauen solch absolut unterschiedliche Wesen gemacht hat.

Auf diese Weise setzt sich der Zweikampf, dem Simone de Beauvoir Einhalt gebieten wollte, trotz ihrer zwei umfangreichen Bände fort. Sie behauptete keineswegs, Frauen seien Männer, weshalb sie dies auch gar nicht belegen mußte. Es ging ihr nicht darum, die Unterschiede zu beseitigen, sondern sie wollte zeigen, daß diese Unterschiede nicht bis ins Herz oder bis in den Verstand hineinreichen; es ging ihr darum, daß die Frauen, abgesehen von jenen Talenten und Mängeln, die sie ihrer marginalisierten Stellung verdanken, durchaus in der Lage sind, menschliche Wesen zu sein ... Die Belege, die sie hierfür gesammelt hat, erschüttern das ewig Männliche keineswegs: dieses nimmt jene Belege als Ausnahmen und bewahrt sich so seine normierende Kraft. Wohl oder übel lassen die Fakten sich mit beiden Systemen in Einklang bringen, sie führen hier ebensowenig wie anderswo zu einem experimentum crucis. Sie sprechen erst dann gegen den Mann, wenn man sich dazu entschließt, der Zukunft einen Kredit einzuräumen.

Also läuft nun alles wieder auf eine normale Wahl hinaus? Zwischen dem, wie es bis jetzt ist, und dem, wie es vielleicht sein könnte? Aber dann, wie will man jemanden überzeugen, und ist das eine Frage der Macht? Wird es so sein, daß die Frauen ihrerseits Gewalt anwenden, um zu beweisen, was sie können? Doch das wäre ein schlechter Beweis, und die letzten Männer, die in der Sklaverei überleben würden, könnten dann ihrerseits ganz leise murmeln: Noch ist nicht bekannt, was der Mann alles vermag, wäre er nur nicht unterdrückt - und von ihrem Thermidor träumen.

Es gibt keine Lösung, außer wenn Männer und Frauen damit aufhören, sich aneinander zu messen, wenn sie sich nicht mehr als Gruppen denken, einander nicht mehr nachahmen, nicht mehr miteinander rivalisieren und sich nicht mehr ein für allemal definieren, um sich ihre Beweise zu liefern, - kurz, wenn sie an anderes denken. Verschieden, wie sie nun mal sind, geschieht es ihnen dann plötzlich, daß sie merken, wie sie das selbe Leben leben. Doch muß es nicht sein - fragt man sich dann -, daß die Unterdrückten sich zusammenschließen? Daß sie sich zusammenschließen, doch nicht als Frauen, sondern zusammen mit anderen Unterdrückten, zumindest wenn sie wirklich wünschen, daß Herr Boyer seine Meinung ändert.

Maurice MerleauPonty

Kommentar

Wer spricht hier?

Maurice MerleauPonty läßt verschiedene Stimmen laut werden und spricht selbst sotto voce.

Kritische Soziologen: Solche, die die These einer Männergesellschaft kritisch beleuchten. Das Resultat ihrer Kritik: mangelnde Genese der Geschlechterordnung, Verabsolutierung faktischer Normansprüche, Projektionen auf das andere Geschlecht, Fiktionen, die für bare Münze genommen werden.

Paul Boyer: Da er die These der Männergesellschaft nicht hinterfragt, gelangt er nicht weiter als bis zur Frage nach der möglichen Anpassungsfähigkeit der Frauen an eine von und für Männer geschaffene Gesellschaft. Frauen als Nachholmänner.

Simone de Beauvoir: Sie relativiert den nicht zu leugnenden Unterschied zwischen Mann und Frau im Hinblick auf allgemein menschliche Züge und Leistungen. Da sie die Unterschiede zu gering ansetzt und im Bereich biologischer und soziologischer Fakten bleibt, wird das "ewig Männliche" nicht erschüttert. Ein experimentum crucis, das die Wegkreuzungen verändert, findet nicht statt. So sprechen Fakten gegen Fakten, überzeugungslos.

Anonyme GeschlechterkämpferInnen: Sie folgen einer "normalen Wahl", die eine Möglichkeit gegen die andere ausspielt und die Machtverhältnisse lediglich umkehrt. Die oder der Wählende bleibt der Befragung entrückt. Der Geschlechterkampf wäre lediglich eine Parodie auf jenen Kampf zwischen Herr und Knecht, den die Männer unter sich ausmachten. Alles bliebe beim alten, nur das Personal hätte gewechselt.

Maurice Merleau-Ponty: Mann und Frau sind geworden, was sie sind; ihre "lange Geschichte" läßt sich nicht überspringen. Die Geschichte ist ausweglos, wenn Mann und Frau sich jeweils an dem messen, was sie nicht sind, und zu sein versuchen, was sie nicht sein können. An anderes denken, nämlich an das denken, worin sich Geschlechterdifferenzen ausspielen (der Autor nennt es "Leben"), bewahrt uns vor einer das Komische streifenden Rivalität. Die "gelebte" Differenz untergräbt die Gedankenspiele einer zu erkennenden Differenz. Und was den Kampf gegen Unterdrückung angeht, so genügt es nicht, sich in eigener Sache zusammenzuschließen, um dem Widerspruch von Druck und Gegendruck zu entkommen. Auch die Geschlechterpolitik erfordert ein indirektes Vorgehen, das Fronten dort, wo sie sich zeigen, wo sie zur Sprache kommen, verschiebt.

Regula Giuliani (Freiburg), Bernhard Waldenfels (Bochum)

Zitation:
Merleau-Ponty, Maurice (1997): Geschlechterpolitik - Eine Replik [1954]. Übersetzt und kommentiert von Regula Giuliani und Bernhard Waldenfels, in: Journal Phänomenologie 8, S. 9-11. Zugl. online unter: http://www.journal-phaenomenologie.ac.at/texte/jph08_archiv.html

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14.05.2008
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